Wasser, Luft, Erde

SU, HAVA, YER

 

Wenn Türken sich auf der Straße treffen, dann tauschen sie zunächst die obligatorische Grußformel aus:

„Wie-geht-es-dir?-Danke-mir-geht-es-gut!-Und-wie-geht-es-dir?-Danke-mir-geht-es-auch-gut!“ Unterbrochen von Füllwörtern wie „“ach“, „naja“, „eigentlich“ etc., und natürlich versehen mit den entsprechenden höflichen Anredetiteln wie  „Bruder“, “Schwester“, “Tante“, “Onkel“ etc.

 

Das dauert immer eine ganze Weile, das geht nicht im Vorübergehen, dazu muss man stehen bleiben, manchmal hält man sich während dieser Prozedur an den Händen, sollte man sich lange nicht gesehen haben, dann wird natürlich auch der doppelte Wangenkuss vorausgeschickt.

Ein kurzes Hallo ist in der Türkei absolut unüblich und gilt als extrem unhöflich. So kann ein Wochenmarktbesuch sich über Stunden hinziehen, da in der nächsten Höflichkeitsphase man sich natürlich zum Tee einlädt. Teeküchen gibt es an jeder Ecke und die Teeverkäufer laufen jede Strecke für ihre Kunden. Nun lobt man den guten Tee und dass dieser wohl aus besonders feinem Wasser und auf keinen Fall aus Leitungswasser zubereitet wurde; man fragt weiter nach dem Befinden der ganzen Familie und wenn das alles absolviert ist, unterbrochen mit Seufzern des Erstaunens und Entzückens, und lautstarkem Schlürfen des Tees, der nach jedem Schluck natürlich wieder gelobt wird, …ja dann tritt nun endlich Stille ein, mit dem dampfenden Teeglas in der Hand.

 

Wie wichtig den Türken die Qualität des Wassers ist, zeigen die vielen Plätze, Bäche und Ortschaften, die in Anatolien „Incesu“ heißen: „Feines Wasser“. Für „Feines Wasser“ fahren die Türken meilenweit und füllen an berühmten Quellen ihre Plastikflaschen und Kofferräume damit. Stolze Hausfrauen betonen beim Servieren des Tees gern, dass ihr Mann dafür 400 km gefahren ist.

 

Und wenn die Türken dann irgendwann still beim Tee aus feinstem Quellwasser ihren Gedanken nachhängen, dann hauchen sie manchmal: „Ne Hava güzel bugün!“-  „Was ist die Luft gut heute!“ Und der dazugehörige Seufzer verrät, dass damit mehr gemeint ist als „nur“ gute Luft!

 

Was wir nun in den Sommermonaten 2011 in Kappadokien erleben durften, war das Beste, was es an Luft gibt und die Türken kamen aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus: „Yayla Havasi“ – „Hochlandluft!“ wiederholten sie immer wieder wie eine Beschwörungsformel.

Für uns Europäer ist es einfach angenehm warme, nicht zu heiße  trockene Luft mit weniger als 20% Luftfeuchtigkeit und mit einer ständig frischen Brise versehen.  

Für die Türken ist es der Inbegriff von Glück und Freiheit: Das Nomadenleben längst vergangener Zeiten wird mit dem gehauchtem „Yayla Havasi“ romantisch und wehmütig wieder zu Leben erweckt: Als man noch ungebunden, immer die warme seichte Hochlandbrise im Nacken, mit den Herden durch unberührte und atemberaubende Natur auf die Sommerweiden zog, die Abende an Feuern unter dem  Sternenhimmel verbrachte und man sich stolze Geschichten aus seinem Volk erzählte.

 

Yayla Havasi“ und „Ince Su“ – Hochland-Luft und feines Wasser und ein Stück Erde in freier weiter Natur, um ein Feuer machen zu können für die herrlichen Fleischspieße.

 - Das sind bis heute immer noch die 3 Dinge, die einen Türken glücklich machen!

 

Vielleicht gibt es deshalb in Kappadokien noch kein McDonalds und keine künstlichen Konsum- und Vergnügungstempel und auch die Shopping Center sind immer noch sehr bescheiden.

 

Kappadokien hat eine traumhafte und meist noch unberührte Natur, unvergleichlich gute Luft und viele Hochlandquellen, aus denen feinstes Wasser strömt …… 

Susanne Oberheu

www.kappadokya-travel.com

Der Beruf des Hirten ist hart und entbehrungsreich. Dennoch verbinden viele Türken damit ein verlorenes Gefühl von Freiheit und Ungebundenheit

Der Beruf des Hirten ist hart und entbehrungsreich. Dennoch verbinden viele Türken damit ein verlorenes Gefühl von Freiheit und Ungebundenheit

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Datum: Donnerstag, 22. September 2011 9:45
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