Turkish Way of Life oder die Verlangsamung des Seins

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Die Türken sind keine Stubenhocker

 

Die ganze Lebensart der Türken ist darauf ausgerichtet, Ausblick zu haben, gucken zu können, den Blick schweifen zu lassen in entspannter Erwartung, was der Tag so bringt. Hektik und Stress wird dabei um jeden Preis vermieden. Man kann auch sagen, die Türken sind die Erfinder der im Westen überall geforderten Verlangsamung des Seins. Türken beherrschen selbst bei größtem Stress und großen Sorgen einen eigenen Beruhigungsautomatismus, von dem wir im Westen sehr viel lernen könnten.  Dabei verkriechen sie sich aber nicht, sondern im Gegenteil: man geht raus, vor die Tür!

Traditionelle türkische Häuser sind so gebaut, dass es immer einen überdachten, aber freien Vorraum vor dem Haus gibt. Ein paar Kissen und Teppiche am Boden laden dann zum Verweilen ein. Da die traditionellen orientalischen Häuser sehr viel Wert auf Privatsphäre legen, geht der Blick vom offenen Vorraum nicht unbedingt in die weite Landschaft, sondern bei Stadthäusern zunächst einmal in einen weiten Innenhof, der von einer hohen Mauer umgeben ist. Dieser Hof wird oft wie ein kleines Abbild des Paradieses geschaffen, mit Wasserstelle, Blumen, rankenden Weinreben, kuscheligen Sitz- und Schlafmöglichkeiten. Die modernen türkischen Häuser haben diese großen Innenhöfe nicht mehr, dafür riesige Balkone oder zur Straße ausgerichtete verglaste Wintergärten, in denen dann das Sofa platziert wird, von dem man immer einen freien Blick auf die Straße oder Umgebung hat. Aber die Türken lieben ja nicht nur den freien Blick und wollen ansonsten alleine und für sich sein – nein, man möchte sich in seiner Freizeit auch unterhalten, ein bisschen tratschen und klatschen, Kontakte pflegen. Zur türkischen Lebensqualität gehören immer auch andere Menschen. Und wer weder einen großzügigen Innenhof noch Vorgarten oder offenen Wintergarten hat, setzt oder hockt sich, sobald es seine Zeit erlaubt einfach auf die Straße, ohne Sofa und ohne Kissen. Und manche recken ihre Beine dann so in den Weg, dass man kaum daran vorbeikommt. Das ist auch so beabsichtigt, denn die türkische Höflichkeit gebietet es, dass man sich ein wenig Zeit für seine Mitmenschen nimmt: „Komm setz dich und trink ein Glas Tee mit mir. Warum hast du es so eilig, genieße lieber dein Leben und erzähl mir etwas von dir!“ Ein Glas Tee bekommt man überall, kostet nur wenige Kurusch und wird an jeder Straßenecke serviert. Manchmal redet man auch gar nicht, sondern verbringt einfach ein wenig Zeit miteinander. Türken können stundenlang einfach nur dasitzen und eben gar nichts tun, dafür haben sie sogar einen eigenen Begriff genauso wie für das langsame scheinbar ziellose Schlendern. Wobei die Frauen ihr Wohnviertel und die Männer die Geschäftswelt als bevorzugte Schlenderregionen benutzen, eben dort wo traditionell auch ihre Aufgaben und Beziehungen liegen: die Frauen kümmern sich um Haus, Familie und Hof und die Männer um Geschäfte und das Geldverdienen. Geschlendert wird überall, sogar auf verkehrsreichen Straßen, der Schlenderer hat in der Türkei noch immer Vorrang, was dem Schlenderbedürfnis nicht entspricht, wird als große Einschränkung empfunden und einfach ignoriert, wie zum Beispiel Fußgängerampeln oder Supermarktschlangen.

Einen geregelten Arbeitstag wie in den Industrienationen gibt es traditionell in Anatolien nicht, Türken arbeiten aufgabenorientiert, das bedeutet manchmal bis zu 14 Stunden täglich, 7 Tage die Woche ohne Wochenende und Urlaub. Aber Türken hetzen sich nicht, selbst wenn sie es eilig haben. Wer hektisch und gestresst ist, hat in seinem Leben etwas falsch gemacht. Hektik ist kein Zeichen für Fleiß und Erfolg, wie im Westen, sondern ein Zeichen für Versagen und Unvermögen. Selbst die Ärmsten würden niemals laufen und ihr ganzer Stolz ist ihre Gelassenheit und Ruhe. Das türkische Wort „langsam“ – „yavasch“ – ist ständiger Mahner bereits an die Kinder. Der Türke zeigt, dass er Zeit hat oder anders ausgedrückt, er alles im Griff und Hektik nicht nötig hat. Touristen werden deshalb wegen ihrer ewigen Eile oft bemitleidet, da sie für Türken den Eindruck machen, als könnten sie sich Ruhe und Gelassenheit nicht leisten, benehmen sich also wie Sklaven, die von einem grausamen Herrn getrieben würden. Auch Gelassenheit im Miteinander und Geschäftlichen ist absolute Voraussetzung für Respekt und Würde. Lautes Schimpfen ist verpönt und in Geldangelegenheiten nimmt man die Dinge nicht so ernst. Selbst der Ärmste würde niemals die Kurusch (Pfennige / Cents) auf die Hand zählen, man greift in die Tasche und ist großzügig, auch im Kleinen. Getrennte Rechnungen im Restaurant sind unmöglich und die türkischen Kellner mussten sich erst mit Entsetzen an diese Gepflogenheiten der ausländischen Touristen gewöhnen.

Das heißt natürlich auch, dass man manchmal zu wenig Geld in der Tasche hat. Geldsorgen sind für Türken ein alltägliches Brot. Aber auch hier reagiert man mit Gelassenheit. Denn im türkischen Way of Life braucht es nicht viel: einen schönen Platz mit viel Aussicht, Menschen, die man kennt und sich Zeit für einen nehmen, einen Tee ausgeben und beim Essen nicht getrennte Rechnungen verlangen – das ist selbstverständlich in der Türkei, darauf kann sich bisher jeder verlassen…. und irgendwann ergeben sich dann schon neue Verdienstmöglichkeiten, inschallah!!

Susanne Oberheu

 

Sich vor dem Haus gemütlich niederlassen, Menschen treffen und Tee trinken - das ist türkische Lebensqualität!
Sich vor dem Haus gemütlich niederlassen, Menschen treffen und Tee trinken – das ist türkische Lebensqualität!

www.kappadokya-travel.com   

 

 

 

 

 

 

 

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Datum: Mittwoch, 4. Januar 2012 13:02
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