Tourismus in Kappadokien vor 25 Jahren

Susanne Oberheu 1994 allein unterwegs in der Türkei.

Susanne Oberheu allein unterwegs in der Türkei.

Wie die kappadokischen Männer den “jungen” Tourismus kennenlernten:

Westliche Touristinnen wagen sich nur selten allein, wenn überhaupt, in ein islamisches Land. Sie befürchten zu große Einschränkungen in ihrer Bewegungsfreiheit und auch unangenehme Begegnungen mit muslimischen Männern, da der Islam dem Mann gegenüber Frauen ein Verhalten erlaubt, das in der westlichen Welt undenkbar wäre. Frau weiß, der islamische Mann hat keinen Respekt vor Frauen.  

So das traditionelle Vorurteil!

 

Ganz besonders junge Touristinnen erwarten aber von ihrem Urlaub nicht nur Erholung unter südlicher Sonne, sondern natürlich wollen sie auch Partys machen, ausgehen, tanzen, aus sich herauskommen können: eben alles, was hilft, den heimischen Alltagsstress abzubauen  - dazu ist Urlaub da, endlich der täglichen Kontrolle und den gesellschaftlichen Normen zuhause zu entfliehen.

 

Frau ahnt, dieses ist natürlich mit muslimischen Männern nicht möglich, ohne Gefahr zu laufen, im glimpflichsten Fall unangenehm angebaggert zu werden.

Die einheimischen Männer dagegen stecken mittendrin in ihren täglichen Normen und Regeln, nach denen sie auch zunächst versuchen, ihre Gäste zu empfangen. Dass aber Touristen keinen normalen Gäste sind, konnten die Türken in den Anfängen des Tourismus in Kappadokien noch nicht ahnen.

 

Hierzu möchte ich aus der Anfangszeit des Tourismus in der Türkei berichten:

In Kappadokien verbrachten mein Freund und heutiger Ehemann Michael und ich in den Jahren 1986 und 1987 viele Monate und wir kamen bei unserem Freund Mustafa unter, der in Deutschland groß geworden war, aber mit 17 Jahren wieder in die Türkei zurück musste. Wir erinnerten ihn an seine Teenagerzeit, als er in den 70er Jahren seine Jugend in Deutschland genoss. In diesen Monaten bei Mustafa gammelten wir so herum, lernten Leute kennen und verbrachten mit anderen in unserem Alter so unsere Zeit. Wir waren jung und wohl im Gegensatz zu unseren türkischen Freunden hatten wir das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu erleben: Das Fremde kribbelte und wir waren auf der Suche nach einer weiteren Wahrheit in diesem Leben. Aber auch Micha und ich waren für die jungen Türken die reizvollen Fremden, in deren Nähe man sich gern aufhielt, einfach nur weil man neugierig war.

Wir waren zwischen 18 und 25 Jahre alt. So saß ich eines Tages mal wieder mit Ali, er mag damals 18 Jahre gewesen sein, vor dem Geschäft, in dem er als Verkäufer arbeitete, und wir beobachteten die Ankunft eines der Linienbusse auf dem angrenzenden zentralen Platz.

Unsichtbare Erregung machte sich unter den gelangweilten Geschäftsleuten vor ihren Läden breit, als eine kleine Gruppe von hübschen jungen und sehr blonden Touristinnen aus dem Bus entstiegen und gleichsam die Arena betraten: Rucksacktouristen, Individualreisende, geradezu Pioniere, wie es sie in den 80er Jahren verstärkt in der Türkei gab. Aber die Türken in Kappadokien waren an diesen Anblick noch nicht gewöhnt: Bequeme Shorts, ärmellose T-Shirts und einen riesenhaften Rucksack über der Schulter, dazu klobige Boots an den Füßen. Als Tourist kommt man sich in solchen Momenten vor wie im Zoo, ungehemmten Gaffern optisch erbarmungslos ausgeliefert. Türken kannten dieses Outfit nur als Unterwäsche und die Schuhe nur als Militärstiefel und waren entsprechend amüsiert. Wer sich so anzog, war entweder verrückt oder ein nicht ernstzunehmender Ausländer. Niemand mit einem bisschen Anstand würde sich so unter die Leute wagen.

Also hatten wir da ein paar junge verrückte Ausländerinnen. In manchem türkischen Mann erwachte geradezu der Jagdtrieb bei diesem Anblick, da solche Frauen unter den nicht gut meinenden Zeitgenossen wie vogelfrei gesehen werden. Dass sie mit ihren Frechheiten dann aber auch noch Erfolg haben sollten, verblüffte sie.

Ali schien in seinem jungen Leben bereits entsprechende Erfahrungen gemacht zu haben. Jedenfalls bemerkte er, die glotzende Lethargie unterbrechend, völlig unvermittelt, dass er mit mir darüber wetten wolle, noch heute Nacht eine dieser Frauen ins Bett zu kriegen.

Ich sagte Ali, dass er jetzt aber spinnen würde. Er zwinkerte mir zu, stand auf und die Jagd konnte beginnen: ein junger hübscher Mann mit schwarzen Haaren und braunen Augen, einem verführerischen schwebenden Gang und einem umwerfenden Lächeln sprach die verunsicherten Touristinnen im fließenden Englisch an. Charmant bot er seine Hilfe als Fremdenführer an: die Damen schienen begeistert. Abends trafen wir uns wie so oft im Lokanta, wo nur noch 2 der Frauen Alis tollen Geschichten lauschten. Es wurde ein schöner gemeinsamer Abend und wir Touristen konnten Reise-Erfahrungen austauschen.

Schließlich verabschiedete sich Ali und eine der Frauen stand mit ihm wie selbstverständlich auf, die andere blieb fast ein wenig beleidigt sitzen. Ali zahlte, legte seinen Arm um seine Begleiterin und zwinkerte mir noch einmal beim Hinausgehen zu. Wir alle, die im Lokanta zurückblieben, auch die anderen türkischen Gäste sahen mit Fassungslosigkeit, wie einfach Touristinnen für etwas zu haben waren, wofür die Männer sonst bezahlen mussten, abgesehen davon, dass diese Art von Frauen für fast jeden Türken auf dem Land unerreichbar war.

Mit 20 Jahren behauptete Ali, er hätte schon 100 verschiedene Frauen im Bett gehabt. Nach dieser Show glaubte ich ihm das fast. Der Kelim, um den wir gewettet hatten, war natürlich verloren und mein Glaube an die moralische Integrität meiner Schwestern auch. In Deutschland hören sich diese Urlaubserlebnisse dann wohl ganz anders an. Ich habe nicht nur an der türkischen Riviera Alis Experiment immer wieder bestätigt gesehen. Hotels heuern Gigolos sogar an, um ihre weibliche Kundschaft zu befriedigen.

In Kappadokien habe ich allerdings auch erlebt, wie diese erotischen Abenteuer die türkischen Männer korrumpierte und sie völlig aus der Bahn riss. Beziehungen zu einheimischen Frauen waren nicht mehr möglich, ihr Ruf bei den türkischen Frauen war ruiniert. Die Männer wurden zynisch, aggressiv, machten Schulden und verrieten alte Freunde, mit denen sie in den schweren Jahren des türkischen Putsches fest zusammengehalten hatten; sie ließen sozusagen die Sau raus. Es folgte viel Streit und ihr Benehmen ließ sie gesellschaftlich absinken. Irgendwann fuhren sie dann mit dicken Autos und unnahbaren Sonnenbrillen als vermeintlich erfolgreich und angeberisch durch den Ort. Aber sie wurden nicht mehr eingeladen und man sah sie nur noch an den Theken der neuen Bars, die überall aus dem Boden schossen… Damals hieß es, die Türkei sei das Tailand der europäischen Frauen. Dass diese Frauen die Männer benutzten, diese Einsicht hätten die türkischen Männer aus Stolz nie zugelassen.  Die glücklicheren von ihnen heirateten schließlich eine Frau aus dem “Westen” und verließen die Türkei.

Heute dreht sich kein Türke mehr in Kappadokien um, wenn blonde leicht bekleidete Touristinnen aus den Bussen steigen.  

Susanne Oberheutuerkei-kappadokien-kultur-reise-frauen-tourismus

Avanos vor 25 Jahren,

ein kleiner Film von Müko Tokmak:

http://www.youtube.com/watch?v=-nxQh-aIvb0







 www.kappadokya-travel.com
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Datum: Mittwoch, 9. März 2011 15:13
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