Als Nazim Hikmet starb, kamen die ersten Gastarbeiter aus Anatolien nach Deutschland

Nazim Hikmet: bedeutender türkischer Schriftsteller und Dichter, gestorben 1963

Nazim Hikmet lebte zu Zeiten politischer Unruhen, staatlicher Unterdrückung und Armut der anatolischen Landbevölkerung, als die Türkei zu den ärmsten Ländern der Welt gehörte.

Leben wie ein Baum
einzeln und frei
und brüderlich
wie ein Wald
das ist
unsere Sehnsucht

 

Das schönste Meer:
es ist das noch unbefahrene…
Das schönste Kind:
es ist das noch nicht erwachsene.
Unsere schönsten Tage:
es sind die noch nicht gelebten.
Das allerschönste Wort was ich Dir
sagen wollte:
es ist das noch nicht ausgesprochene Wort…

 

Nazim Hikmet, geboren 1902, Nachfahre deutscher Beamter am osmanischen Hof, war einer der bedeutensten türkischen Dichter des 20.Jahrhunderts. In der Türkei wurde er wegen seiner politisch links gerichteten Schriften verfolgt und verbrachte 12 Jahre deswegen in Haft. Er studierte und lebte vorwiegend im russischen Exil, wo er auch begraben wurde.

2009 erhielt er posthum von der türkischen Regierung die Staatsbürgerschaft zurück und damit die Anerkennung seines für die Türkei heute bedeutenden dichterischen Werkes.  

 

Aus der ehemals armen und rückständigen Türkei ist im 21.Jahrhundert inzwischen ein orientalischer Tiger geworden, dessen Wirtschaftswachstum sich mit dem Chinas vergleichen lässt und für europäische Verhältnisse traumhafte Bilanzen vorweisen kann. Die Türkei ist seit ein paar Jahren nicht nur wirtschaftlich im Aufbruch, auch kulturell lässt sie mit riesigen Schritten das rückständige Anatolien der letzten 80 Jahre hinter sich und formiert ein Selbstbewusstsein und eine Identität, die Vorbild für den ganzen nahen Osten geworden sind.

Anatolien soll wie in der Antike wieder ein klangvoller Name für Kultur, Bildung und Fortschritt sein. Anatolien ist die altgriechische Bezeichnung für Kleinasien und bedeutet: Land der aufgehenden Sonne oder Land im Osten. Von hier kamen einst die entscheidenden Hebel und das gedankliche Rüstzeug für die Zukunft Europas. Das eigentliche antike Griechenland, auf dessen Kultur unsere europäische basiert, war Anatolien!

 

Als Nazim Hikmet starb, machten sich aus dem heruntergekommenen Anatolien die ersten Gastarbeiter auf, im gelobten Deutschland ihr Glück zu suchen. Anatolien war schon lange nicht mehr Hort der Gelehrten und des Wohlstandes.

Auch aus kappadokischen Dörfern zogen Menschen in deutsche Großstädte. Jeder anatolische Ort hatte sein deutsches Gegenstück. Männer aus Avanos trafen sich zum Beispiel alle in Dortmund, wo ehemalige Nachbarn ihnen bei dem Leben im neuen fremden Land halfen. Manche Orte waren nach diesem Exodus der jungen Männer fast nur noch von Frauen und Alten bewohnt. Die Winter sind hart in Kappadokien und oft fehlte ihre Arbeitskraft.

Heute trifft man viele dieser ehemaligen Gastarbeiter, die damals versuchten, der anatolischen Armut zu entfliehen, vor den Läden Kappadokiens mit Wohlwollen feststellend, dass nun die Deutschen sich für ihre Heimat interessieren.

Und geht man mit etwas Zeit durch Kappadokien, so wird man oft angesprochen: “Du deutsch? Ich 30 Jahre Dortmund…”,  ” Und wie war Deutschland?”,  ”Ja gut, aber viel Arbeit!”

Auch heute noch überfällt einen ein gewisser Schauder, wenn man diese einer völlig anderen Kultur verwachsenen Menschen trifft und sich bewusst macht, dass sie aus Armut 30 Jahre ihres Lebens im Exil verbrachten in einem Land, das so ganz anders war als das, was sie kannten und ihnen nie wirklich bekannt wurde.

Machen Sie diesen alten Männern heute eine Freude und laden Sie sie zum Tee ein. Sprechen Sie darüber, woher Sie aus Deutschland kommen und welche großen Städte Sie kennen und reden Sie ruhig über Fussball. Denn selbst im Fussball gehört Deutschland für diese Türken immernoch zur Heimat und sie fühlen sich immernoch ein bisschen deutsch, wenn wir Touristen auch nicht erahnen können, wie sie das meinen. Denn auch wir fühlen uns ja ganz fremd in Anatolien. 

Susanne Oberheu

 

Ibrahim ging selbst nie nach Deutschland. Sohn und Tochter sowie Enkelkinder sind inzwischen deutsch, wie er sagt. Beim Fussball ist es ihm egal, ob Deutsche oder Türken gewinnen. "Ich bin halb deutsch, halb Türke. Fast meine ganze Familie lebt in Deutschland und meine Enkelkinder sprechen besser deutsch als türkisch." Ibrahim führt ein kleines Restaurant in der Altstadt von Avanos.

Ibrahim ging selbst nie nach Deutschland. Sohn und Tochter sowie Enkelkinder sind inzwischen deutsch, wie er sagt. Beim Fussball ist es ihm egal, ob Deutsche oder Türken gewinnen. "Ich bin halb deutsch, halb Türke. Fast meine ganze Familie lebt in Deutschland und meine Enkelkinder sprechen besser deutsch als türkisch." Ibrahim führt ein kleines Restaurant in der Altstadt von Avanos.

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Datum: Donnerstag, 22. März 2012 18:02
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