Das Elend mit dem Feilschen

Mit einem Teeglas in der Hand kann der potentielle Kunde einfach nicht so schnell wieder gehen.

Michael Wadenpohl beim Begutachten von Töpferwaren. Eigentlich wollte er nur ein wenig gucken, jetzt zwingt ihn das Teeglas in der Hand zum Bleiben. Eine gute Gelegenheit für den Verkäufer!

 

 

 

 

 

Warum gerade deutsche Touristen das hassen 

Für den Türken in seinem anatolischen Laden ist jeder Tourist ein guter Kunde, denn wer in den Urlaub fahren kann, der muss Geld haben und an das gilt es heranzukommen. Das versucht man ganz traditionell mit der viel gerühmten Gastfreundlichkeit, die sich in diesem Fall natürlich als skrupelloser Geschäftssinn entpuppt. Mit südländischem Charme versucht der türkische Geschäftsmann nun Kontakt aufzunehmen:

“Guten Tag schöne Frau!“, wagt er nur dreist zu sagen, wenn er bereits die Erfahrung gemacht hat, dass Touristinnen auf dieses Kompliment positiv reagieren. Türkische Frauen wären wegen dieser ungeheuerlichen Anmache empört. Oder: “Sind Sie aus Deutschland?“ – eine eher rhetorische Frage im feinsten Türkisch-Deutsch gesprochen. Oder: „Sind Sie das erste Mal in der Türkei?“ – hier fühlt sich nun der erfahrene deutsche Tourist gepiesackt: Natürlich ist er nicht das erste Mal in der Türkei, man könnte sogar sagen, dass er ein Kenner der Örtlichkeiten ist und möchte nicht als Neuling behandelt werden. Um diese unerträgliche  Annahme aus der Welt zu schaffen, antwortet der deutsche Tourist nun endlich und zwar belehrend, als könne er dem Türken die Türkei erklären.  „Gut!“, denkt sich der türkische Ladenbesitzer, „Hauptsache er reagiert und dann weiß er ja auch, dass er jetzt zum Tee eingeladen wird.“ Der deutsche Tourist lächelt vielsagend, weil er ahnt, dass dieses ein Trick ist, um irgendeinen überteuerten Kitsch an ihn verkaufen zu können. Den Tee lehnt er als Erpressungsversuch ab, betritt aber dennoch den Laden, da er immernoch wegen dieser groben Unterschätzung seines Expertenwissens beleidigt ist und als guter Deutsche die Gelegenheit nutzen will, die Dinge klarzustellen: Er wandelt kritisch im Laden, begutachtet fachmännisch die angebotenen Produkte und da der Deutsche eben auch gerne besitzt, schleicht sich ungewollt Besitzerstolz ein und in seiner Fantasie denkt er schon an die Lieben daheim, wie diese über seine abenteuerlich erstandene Wasserpfeife staunen werden.  Der geschäftstüchtige Türke merkt das natürlich sofort und dummerweise bedrängt er seinen Kunden nun - Ein Fehler, den die Türken leider wie alle Orientalen immer wieder machen. Da können sie sich einfach nicht in die deutsche Krämerseele einfühlen. Nun erwacht der geborene Händler im Türken und er erforscht seinen Kunden nun genauer, um entsprechend den Preis des Produktes bestimmen zu können. Deutsche haben Geld, mehr Geld zum Beispiel als gerade die Griechen, Spanier oder Italiener. Diese Chance will er sich nicht entgehen lassen und schlägt erbarmungslos zu mit allen orientalischen Raffinessen: er zaudert, möchte den Preis nicht sagen, verliert sich in Bekundungen über die Einzigartigkeit und Besonderheit der Ware, der großen Freundschaft zu den Deutschen und natürlich zu seinem Gast im Speziellen. Und während der Türke so redet und redet, nutzt er eigentlich nur die Zeit, um wichtige Informationen über sein Opfer hereinzuholen. Er denkt bei all dem Gefasel nämlich intensiv über den Preis nach, den er nun verlangen könnte. Türken können Multi-Tasking. Das lernen sie von Frühauf, denn Höflichkeiten und viele freundliche Worte geben oft den Vorwand und den zeitlichen Rahmen für ganz echte Informationen, ohne seinem Gegenüber mit direkten Fragen zu belästigen oder sogar zu beleidigen und was bedeutet schon das gesprochene Wort, wenn es um Wahrheiten geht. Also sehen sie während ihrer minutenlanger Besäuselung ihrem Gesprächspartner immer wieder intensiv in die Augen, studieren seine Kleidung, Mimik, Gestik und Reaktionen, so dass sie, ohne auch nur eine einzige Frage in diese Richtung hätten stellen müssen, mit ziemlicher Sicherheit sagen können, ob sie einen Oberstudienrat oder einfachen Lehrer, einen handfesten Handwerker oder einen kleinen Büroangestellten vor sich haben. Natürlich ohne jemals in Deutschland gewesen zu sein! Türken sind sehr höflich und hervorragende Menschenkenner; das eine hängt mit dem anderen zusammen! Außerdem gibt diese psychologische Handelsstrategie dem Käufer die Möglichkeit, sich im Laden immer wohler zu fühlen, so denkt der Türke: „Fühlen Sie sich wie Ihr Zuhause!“  Der Deutsche allerdings will und kann sich nicht wie zuhause fühlen und ist inzwischen genervt. Er ahnt das Schlimmste, das wahrscheinlich auch eintreten wird: der Preis ist exorbitant hoch!

Dieses alles ist das normale Ritual, wenn man in der Türkei etwas kaufen will oder auch nur eine Dienstleistung in Anspruch nimmt. Das anschließende Feilschen ist wesentlicher Bestandteil des türkischen Wohlfühlprogramms, denn nun geht es ans Eingemachte und dieses bietet enorme Möglichkeiten des sich näher Kennenlernens: für Türken auf beiden Seiten des Verkaufstresen ein wichtiger und positiver Bestandteil des gesellschaftlichen Zusammenlebens: Rhetorik, Witz und Herz und natürlich der Geldbeutel sind dabei gefragt. Die Sätze fallen im Schlagabtausch, man reizt, man spielt, man pokert, die Charakterstärke des anderen wird auf die Probe gestellt. Wer auch wen über den Tisch zieht, zum Schluss kennt jeder den anderen besser und fühlt sich ihm freundschaftlich verbunden. War der Preis zu hoch, steht der Verkäufer in der Schuld des Käufers, was er meistens sofort mit kleinen Geschenken auszugleichen versucht und oft erst viel später sich dafür extra erkenntlich zeigt. Bindungen werden so geschaffen. War der Preis zu niedrig, steht der Käufer in der Schuld des Verkäufers und wird so zu weiteren Käufen genötigt, bei denen er dann den Großzügigen spielen wird. Beides verspricht ein intensiveres Miteinander, wenn man denn das Geld im Moment nicht zu wichtig nimmt und den sozialen Gedanken dahinter erkennt: Verbindlichkeiten wechseln sich ab und schaffen soziale Sicherheiten aufgrund von Vertrauensvorschuss. Um so besser dieses System von Vertrauen funktioniert, um so tiefer werden die Bindungen, die oft auf ganze Familien übergehen und eine Ewigkeit halten können. Es sind diese ungeschriebenen Gesetze, die den Leim der türkischen Gesellschaft ausmachen. Dass Reiche natürlich in jeder Hinsicht großzügiger zu sein haben, wird als ganz selbstverständlicher Ausgleich begriffen. So wie Bettler im Orient nicht um Almosen bitten müssen, da sie ein Recht auf einen Teil des Reichtums haben und das auch einfordern.

Deshalb müssen auch Touristen immer mehr bezahlen als Einheimische, die weniger Geld besitzen. Betritt ein reicher Türke den Laden, so muss auch der bluten, weswegen er oft einen Strohmann schickt, um Verhandlungen zu führen.

Dieses ist ein immer noch lebendiges Element der Nomadengesellschaften wie der Türken, Araber und Berber, um so Netzwerke zu schaffen. „Schulden sind Ehrensache“ – dieses galt auch einmal in Deutschland. Heute ist es besonders für Deutsche schwierig, im Feilschen ein gesellschaftliches Miteinander zu schätzen. Inzwischen hat alles seinen festen Preis und der muss sofort bezahlt werden, da gibt es in unserer durch und durch monetären, westlichen Gemeinschaft kein Pardon und nichts kann dafür einen Ersatz liefern. Dieses Immer-sofort-alles-bezahlen-Wollen ist für Türken ein Ausdruck mangelnden Vertrauens und dass derjenige mit ihm wohl nichts weiter zu tun haben wolle. Für Deutsche dagegen hat Vertrauen keinen bestimmbaren Wert und diffuse soziale Verflechtungen sind eben schwer in Geld aufzuwiegen.

Ich habe es erlebt, dass ich als Tourist in einem Restaurant in Kappadokien saß, in dem auch der Teppichhändler gerade zu Mittag aß, von dem ich viele Jahre zuvor einen Teppich erstanden hatte. Als ich das Restaurant verlassen wollte, hatte er meine Rechnung schon bezahlt. Nicht weil er mein Freund werden wollte, sondern weil er mir damals zuviel abgeknöpft hatte und nun seine alte Schuld begleichen wollte.

Die meisten Touristen kommen jedoch nicht wieder, sind dem Verhandlungsgeschick der Einheimischen ausgeliefert und zahlen viel zu hohe Preise. Der Verkäufer bleibt mit seiner gesellschaftlichen Schuld zurück. Nur die Skrupellosen ertragen diesen Zustand ständig. Das Abzocken der Touristen verdirbt auf die Dauer den Charakter. In Touristenzentren ist dieses der Normalzustand.

Andererseits wundert der Tourist sich manchmal, wie großzügig die Türken sind. Wenn sie einem zum Essen einladen oder irgendwelche Geschenke machen, dann können Sie vielleicht davon ausgehen, dass Ihr Gönner eine alte Schuld zu begleichen hat, an einen anderen Touristen irgendwo auf der Welt und Sie sind nun der Nutznießer dieser Tradition.

…. Versuchen Sie nicht zu bezahlen, aber vergessen auch Sie nicht Ihre “Schuld”, wenn Sie eines Tages wiederkommen sollten….. so entstehen Freundschaften!

Susanne Oberheu

Gerade die Frauen auf dem Markt in Avanos sind harte Verhandlungspartner. Aber wer richtig feilscht, gehört bald zur Familie!

Gerade die Frauen auf dem Markt in Avanos sind harte Verhandlungspartner. Aber wer richtig feilscht, gehört bald zur Familie!

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Datum: Montag, 17. Juni 2013 11:19
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