In allen großen Kulturen haben Menschen ihre Mahlzeiten liegend eingenommen!

Orientalische Esskultur in Kappadokien

 

Das kappadokische Leben wie das aller Türken und Orientalen findet traditionell am Boden statt. Peinlichst wird darauf geachtet, dass niemand den Wohn- und Essbereich mit Schuhen betritt; weder Hund noch Katze hat Zugang zur kappadokischen Wohnung.

 

Das ist auch kein Wunder, denn die Kappadokier nehmen seit Alters her sogar ihr Essen am Boden ein.

 

Dazu werden weiche Kissen und Teppiche in einem großen Kreis auf dem gerade gefegten und vielleicht mit Matten und weiteren Teppichen belegten Boden ausgebreitet. In die Mitte platziert die Hausfrau ein niedriges Gestell, etwa 20-30 cm hoch, darüber wird eine große Tischdecke ausgebreitet und darüber schließlich der Tisch, traditionell ein schön ziseliertes Kupfertablett. Heute ist das Tablett oft aus Aluminium oder mit Blumenmuster verzierter Emaille.

 

Wenn nun alle Familienmitglieder bis auf die Hausfrau und die älteren Töchter es sich auf den Kissen gemütlich gemacht haben, servieren die Frauen das Essen: zunächst ein Salat aus zerkleinerten Tomaten mit Zwiebeln, vielleicht noch Gurken und Paprika und viel Petersilie und alles sehr klein geschnitten, gesalzen und mit scharfer trockener Paprika gewürzt, so dass der Gemüsesaft entziehen kann und eine Soße bildet, in die man Brot stippen kann.

 

Und natürlich werden dazu Unmengen von Weißbrot gereicht und Wasser in Karaffen von der nächsten Quelle- das schmeckt besonders gut.

 

Nun setzen sich zum ersten Gang die Frauen dazu. Es werden zur Bereicherung noch gesalzene Zwiebeln in Scheiben und Oliven, sauer Eingelegtes, vielleicht auch Schafskäse und gefüllte Weinblätter- herzhafte Kaltspeisen eben, dazu gereicht. 

 

Grundnahrungsmittel ist das weiche Weißbrot, das man in den Salatsud oder eine Paste stippen oder wie eine kleine Tasche als Besteck benutzt und damit Käse und Gurkenscheiben greifen kann.

 

Ist der Salatteller verputzt erheben sich die Frauen wieder, jetzt kommt der Hauptgang:

 

Gegrilltes Fleisch, gegrilltes Gemüse wie  Auberginen, Paprika und Tomaten, dazu in Öl geschwenkter Reis mit Pinienkernen und natürlich Brot.

 

Die kappadokische und jede türkische Hausfrau hat eine Palette an Köstlichkeiten für die Hauptmahlzeit zu bieten: Gefüllte Auberginen sind sehr beliebt; so beliebt, dass sich schon mancher überfressen hat. Deswegen heißt diese Spezialität auch: Der Imam ist in Ohnmacht gefallen. Außerdem essen die Türken sehr gern diverse gefüllte und belegte Teigstücke, was in der Türkei Pide heißt und natürlich haben die Italiener mit ihrer Pizza von den Türken abgeguckt. Aber das wäre gar nicht so aus der Welt gegriffen, denn Europa hat bekanntermaßen den Kaffee und den Grillspieß von den Türken. Der Döner dagegen soll in den 70er Jahren in Berlin erfunden worden sein.

 

Auch hier wird zum Essen Wasser aus der besten Quelle getrunken.

Gegessen wird nicht von Tellern. Die Mahlzeiten werden in großen flachen Schüsseln serviert, an die jeder in der Runde mit dem Löffel oder dem zum Besteck geformten Brot heranreichen kann. Jeder hat seine Seite der Schüssel und es gilt als ungehörig vom Schüsselrand des anderen zu essen. Der Hausherr zeigt gern seine Großzügigkeit, indem er seinen Anteil den Kindern oder dem Gast mit dem Löffel rüberschiebt.

 

Inzwischen sind so um die 2 Stunden vergangen und auf dem schönen Emailletablett die Blumen nicht mehr zu sehen. Oft schützt man das Tablett noch mit Zeitungen, die dann nach Ende der Mahlzeit mit all den Knochen-, Brot- und Essensresten zusammengeknüllt entsorgt wird.

 

Nach diesem anstrengenden Schlemmen reicht die Hausfrau noch ein paar süße Sünden und dazu gibt es frisch aufgebrühten Tee.

Erschöpft vom Essen liegt man nun um den niedrigen Tisch in den weichen Kissen, schlürft den Tee, der natürlich auch nur aus allerfeinstem Quellwasser gebrüht wurde, gönnt sich das eine oder andere Stückchen Würfelzucker mehr im Tee und natürlich die kleinen in Honig und Zuckerwasser gereichten Magenschließer. Wem das noch nicht reicht, bekommt noch diverse Nüsse in kleinen Schälchen und Früchte der Saison vorgesetzt und weil nach all den Stunden einem inzwischen der Gesprächsstoff ausgegangen ist und die Nachbarin einfach nicht mit Neuigkeiten vorbeikommt, knuspert man noch lange an den unvermeidlichen Sonnenblumenkernen, die zwar nicht den Magen belasten, aber für Beschäftigung sorgen. Denn nun dauert es ja eine Weile bis das alles verdaut ist. Die Frauen räumen schon wieder auf, legen das Tablett zur Seite, so dass die Herren genügend Platz für ihre ausgestreckten Beine haben, und bereiteten schon mal den nächsten Tee vor. Deren Zubereitung dauert nämlich in manchen Haushalten bis zu einer Stunde.

Susanne Oberheu

An diesem Tisch ist immer noch Platz für Besuch vorgesehen

Im Orient und auch in Kappadokien isst man am Liebsten im Freien!

Ach ja, wozu war eigentlich die Tischdecke da, wenn doch sowieso alles im Zeitungspapier landete?

Da man bei „Tisch“ im Schneidersitz sitz, um besser an das Essen heranzukommen, werden durch das Tischtuch die bestrumpften Füße bedeckt. Außerdem ersetzt die Tischdecke die Servierte.  

Und wenn der Gast nach vielen Stunden das Haus verlässt, erhält er noch einige Spritzer Parfümwasser in die offenen Hände. Er soll nicht nur satt und glücklich sein, sondern auch gut riechen.

Orientalisch essen heißt nach wie vor genießen. Dieses gilt auch in den ärmsten Haushalten, in denen es vielleicht kein Fleisch oder Honig gibt, man sich aber nicht minder der ausgesuchten Qualität des Gemüses, des Wassers und des Tees und deren guter Zubereitung mit Genuss hingibt. 

Als Besucher lernt man schnell die wichtigsten geschmacklichen Feinheiten einfachster Lebensmittel wie rohe Zwiebeln zu unterscheiden.  

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Datum: Mittwoch, 16. Februar 2011 12:58
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