Überraschung im Silbernen Kloster Nigde

Gümüşler Manastırı – Silbernes Kloster

Eski Gümüş Kilise – Alte Silberkirche

 

Etwa 100 km südlich von Kappadokien nahe Niĝde an der Hauptstraße Richtung Adana befindet sich ein Klosterkomplex, der unbedingt einen Abstecher wert ist, wenn Sie in die Nähe kommen. Ein mächtiger Tufffelsen, heute umgeben von dem Dorf Gümüşler, verbirgt einen kleinen Schatz, die Alte Silberkirche. Zunächst fällt dem Besucher auf, wie dicht an dicht hier die Höhlen wie bei einem Schweizer Käse aus dem Fels geschlagen wurden, ehemals sicherlich verborgen, heute durch Erosion freigelegt. Dieses ist für Kappadokien nicht ungewöhnlich, der Standort jedoch ist es. Ein derartig freistehender Felsen in der weiten flachen Landschaft zieht geradezu alle Blicke auf sich. Versteckt haben sich die Menschen hier ursprünglich sicherlich nicht. Es scheint eben einfacher und komfortabler gewesen zu sein, diesen Felsen auszuhöhlen statt Häuser zu bauen. Dass dieser Frieden aber nicht anhielt, beweist die unterirdische Stadt mit einem schweren Verschlussstein, die darunter gefunden wurde. Besonders sehenswert ist jedoch das sogenannte Silberne Kloster mit der Silberkirche.

Durch einen weiten Durchgang erreicht man einen aus dem Fels gehauenen großen quadratischen Innenhof, von dem die Räume nach allen 4 Seiten in 2 Geschossen abzweigen. Dieser Innenhof ist einmalig in Kappadokien und man steht mitten in einem aus dem Fels geschlagenen Atriumhaus. Auch der nach oben offene Hof, der zwar Licht in die vielen Räume brachte, aber auch von oben von Feinden leicht zugänglich war, spricht dagegen, dass die Menschen den Fels als Versteck benutzten. Der Boden des Innenhofes sowie die im Erdgeschoß angrenzenden Räume sind übersät mit Gräbern, großen kreisrunden Löchern oder in den Boden eingelassenen riesigen Krügen. Diese Löcher und Krüge wurden in der Regel zur Lagerung von Lebensmitteln benutzt, vielleicht sogar für Wein. Seltsam ist, dass Gräber und Vorratskrüge so pietätlos dicht nebeneinander liegen und manches Grab offensichtlich sogar als Lagerstätte noch weiter ausgehöhlt wurde. Auch ist es seltsam, dass man sich die Mühe machte, diesen riesigen Innenhof abzutragen, um anschließend wieder ein Dach einzufügen, wie die Reihe der Balkenaushöhlungen in den 4 Wänden beweisen. Man kann also davon ausgehen, dass diese Anlage im Laufe der Zeit eine Umnutzung erfuhr.

Vom Innenhof betritt man auf der gegenüberliegenden Seite im Norden einen Raum mit Tonnengewölbe. Ein Kreuzrelief über dem Eingang und sorgsam ausgehauene Türrahmen, Gesims sowie hohe elegante Blendnischen schmücken die Wände. Im Gewölbe ist eine Anbringung für eine Lampe noch erkennbar. An der rechten Seite des Raumes, der ansonsten ohne Malerei ist und nur mit wenigen einfachen geometrischen Mustern versehen wurde, ist außerdem ein umrahmtes großes Bild von der Gottesmutter mit den beiden Erzengeln. Von hieraus betritt man das Herzstück der Anlage, die Silberkirche von der Westseite und es stockt einem sofort der Atem angesichts der wunderschönen Malereien auf wertvollem blauen Hintergrund gegenüber in der Ostapsis. Die Kirche ist eine hohe aber kleine Kreuzkuppelkirche mit quadratischem Grundriss. Auffallend sind die mächtigen wunderschön verzierten 4 Säulen, die die zentrale Kuppel zu tragen scheinen, was natürlich in einer Höhle nicht notwendig ist. Im oberen Bereich in der Apsiskonche sieht man Jesus als Pantokrator abgebildet, flankiert von Maria links und Johannes dem Täufer rechts wie bei der Deesis üblich, nur dass hier links unten der Stier als Symbol des Evangelisten Lukas hinzugefügt wurde. Die anderen 3 Symbole für die Evangelisten (Engel, Löwe, Adler) entsprechend dem Tetramorph sind nicht zu sehen, da die Malerei zu einem großen Teil zerstört ist. Unterhalb der Deesis sind die 12 Apostel aufgereiht und darunter mittig die segnenden Maria umgeben von Bischöfen zu sehen, unter anderem Basilios dem Großen, Gregor von Nazianz und Nikolaos von Myra. Darunter wurde eine einfache umlaufende Sitzbank aus dem Fels geschlagen. Auf der rechten Seite innerhalb der Apsis, also dem Allerheiligsten, ist ein ungewöhnlicher Priester- oder Bischofssitz zu sehen. Ungewöhnlich deshalb, weil er über seltsam schmückende Reliefverzierungen verfügt und weil er nicht mittig in der Apsis wie sonst üblich platziert ist, sondern am Rand. Aber noch ungewöhnlicher ist die Darstellung der Madonna in der linken nördlichen Seitenapsis, denn sie lächelt!

Und auch sonst gewinnt man sofort den Eindruck, dass sie sehr lebendig und dem Betrachter zugewandt ist, genau wie das auf ihrem Schoß sitzende Jesuskind. Ihre braune Haarpracht ist auch nicht mit einem Tuch bedeckt. Diese fast heitere und lebensnahe Madonna irritiert durch ihre Präsenz, sie ist so gar nicht der Welt entrückt wie in anderen Mariendarstellungen. In der rechten Seitenapsis befindet sich eine vergleichsweise sehr einfache Abbildung von Maria. In der linken nördlichen Wand wurde ein Arkosolgrab eingefügt, das wie eine Apsis ausgehöhlt und geschmückt wurde. Im Hufeisenbogen sind der Heilige Stephanus als erster christlicher Märtyrer sowie Johannes der Täufer zu erkennen. Unten wird das Grab rechts und links von Maria und dem Erzengel Gabriel flankiert, die Verkündigung, wie sie normalerweise das Allerheiligste umrahmt. Über dem Bogen sind die Geburt und darüber die Darbringung im Tempel zu sehen. Die Malereien sind von ausgesprochen hoher Qualität.  Der Rest der Kirche blieb ohne Bemalung und der Fels ist nur mit Spitzhacke grob behauen und nicht geglättet, was einen schönen Kontrast zu den feinen Malereien ergibt. An der Westwand gegenüber der Hauptapsis sind weitere Sitznischen eingefügt worden. Ein zusätzlicher Eingang wurde offensichtlich später ausgeschlagen, seltsamerweise in 2 Meter Höhe über dem Boden des Innenhofes. Vom Vorraum geht in die entgegen gesetzte Richtung nach Westen ein weiterer Eingang zu einem kleinen inzwischen von Russ geschwärztem Raum. Von hieraus führt eine Stahltreppe in einen kleinen Raum im oberen Geschoß, der weitere Rätsel aufgibt. Die Malerei an der gesamten Ostwand stellt eine Jagdszene dar. Ein Bogenschütze, Rehe, ein Löwe, ein Hirsch und sogar ein Flamingo sind abgebildet. Eine Jagdszene in einem Kloster? Und damit kommen wir zur Frage, ob wir hier einmal mehr in Kappadokien einen herrschaftlichen Sitz mit Kirche vor uns haben statt eines Klosters, wie bisher angenommen. Vieles spricht dafür: Die im Innenhof geglättete Fassade mit hohen schmückenden Blendarkaden, die für eine Klosteranlage viel zu kleine Kirche mit Sitzgelegenheiten, der als Narthex bisher beschriebene fast elegante Vorraum der Kirche und nicht zuletzt das sogenannte Refektorium im Nordosten des Innenhofes. In diesem Refektorium mit Tonnengewölbe und Reliefkreuz an der Stirnseite befinden sich 4 Gräber, was für einen klösterlichen Speisesaal sehr ungewöhnlich ist. Wer lässt sich in einem Speisesaal begraben? Oder ist das geglaubte Refektorium einmal die Prunkhalle der Anlage gewesen? Der offene und sehr repräsentativ verzierte Innenhof, das Jagdzimmer und selbst die Madonna mit dem Kind wirken wenig klösterlich. Fast möchte man annehmen, dass der Hausherr die Hofkapelle seiner schönen Frau gewidmet hat und diese mit Sohn als Madonna hat abbilden lassen. Die große Grabnische in der Kapelle, mit Malereien aus dem Marienzyklus umgeben, war vielleicht die Grabstätte der geliebten Gattin, womit diese Kapelle eine Funeralkapelle wäre. Der seitliche Priestersitz im Allerheiligsten ist deshalb bescheiden seitlich angebracht worden und nicht mittig, weil der Hausherr eben kein Priester war, dort aber seinen Platz einnahm, mit Blick auf das Grab seiner Frau. – Eine verwegene und unbewiesene Theorie! Sicher ist, dass viele Menschen in dieser sogenannten Klosteranlage begraben worden sind. Über den Gräbern lagen sehr wahrscheinlich den Boden deckende Steinplatten. Bei der Umnutzung zu einem Wirtschaftshof wurden die Platten dann dort entfernt, wo man seine Vorratskrüge im Erdboden versinken wollte, nicht ahnend dass man dabei auf Gräber stoßen würde, was aber auch kein weiterer Hinderungsgrund war. Nur so ist zu erklären, warum große Vorratskrüge direkt in und an Gräbern eingefügt wurden. Dem zusätzlichen Eingang zur Kirche in 2 Meter Höhe war eine hölzerne Plattform vorgelagert, von wo aus die Kirche als Nutzraum Verwendung fand. Und die wunderbare Architektur ei-nes offenen Atriums wurde zum Schutze der Lager-vorräte mit einem Dach versehen, denn Sonnenlicht konnte man in Lagerräumen nicht gebrauchen. Die Kirche wird auf das 11. Jahrhundert geschätzt. Allerdings lässt eine derartige offene Archi-tektur auf eine spätere Bauzeit schließen. Ein solch aufwändiges Atrium Höhlen-haus passt eher in die Friedensjahre unter der Herrschaft der Seldschuken.

                                        

 

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Datum: Mittwoch, 26. April 2017 7:57
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