Die drei kappadokischen Kirchenväter

Was  ist der christliche Glaube?
Hier wurde dem Glauben ein Rahmen gegeben.

Kappadokien und das Glaubensbekenntnis

 

Unwirklich liegen die Reste vulkanischer Aktivitäten in der Landschaft verstreut: Zipfelmützen, Kegel mit wackligen Deckeln darauf, vergossenes Sahne-Eis, rosa, grün oder gelb. Schon meint man Zwerge dazwischen laufen zu sehen. Eine verwunschene Welt, geschaffen aus vulkanischem Tuffstein in Jahrtausenden geformt von Wind und Wasser.

Tuff ist sehr weiches Gestein und man geht davon aus, dass bereits in der frühen Bronzezeit Menschen Höhlen in diese surreale Felsenlandschaft kratzten. Kappadokien liegt im Herzen der Türkei inmitten der kargen Hochebene Anatoliens, des antiken Kleinasiens.

Wie eine kleine Insel, fruchtbar durch unzählige Wasserquellen, umrahmt von den immer noch beeindruckenden Vulkanen Erciyes und Hasan Dagi wirkt es entrückt schön.

Entrückt dem Irdischen fühlten sich dann auch die ersten christlichen Mönche, die hier in verborgenen Höhlen Einsamkeit und Kontemplation suchten.

Das antike Caesarea, die heutige kappadokische Stadt Kayseri, hatte neben Antiochia in der Türkei, Alexandria in Ägypten, Caesarea in Palästina und natürlich Konstantinopel, das heutige Istanbul einer der ersten Bischofssitze inne. Dem Metropolit von Caesarea in Kappadokien unterstanden schließlich 50 Bischöfe über ein riesiges Gebiet in Kleinasien, weit über die Grenzen Kappadokiens hinaus. Basilius der Große sollte fast schicksalhaft die Geschichte der künftigen christlichen Kirche prägen. Er, sein Bruder Gregor von Nyssa und sein Freund Gregor von Nazianz bildeten im 4.Jahrhundert das kappadokische Dreigestirn im Kampf für den trinitiätischen Glauben an die Dreifaltigkeit: Gott, Gottes Sohn und Heiliger Geist.

Diese drei kappadokischen Kirchenväter fanden die Formulierungen für das bis heute gültige Glaubensbekenntis, das im 1.Konzil von Konstantinopel 381 n.Chr. seine endgültige Fassung erlangte. Das 4.Jahrhundert kann daher als das für die Christenheit entscheidende Jahrhundert der Kappadokier genannt werden.

Basilius der Große war Metropolit von Caesarea und setzte für die kappadokischen Mönche in ihren Höhlen erste Mönchsregeln fest, die dann von Benedikt von Nursia im Benedektinerorden des 6.Jahrhunderts übernommen wurden. Seine Lithurgie ist heute noch Bestandteil der griechisch-orthodoxen Kirche. Sein Freund, Gregor von Nazianz war Metropolit von Konstantinopel und Leiter dieses für die Kirche so wichtigen Konzils. Sein Bruder Gregor von Nyssa war derjenige, der die Trinitätslehre der künftigen katholischen Kirche am klarsten ausformulierte und damit den Grundstock für das Glaubensbekenntnis legte. Sie standen in Kontakt mit den wichtigsten Kirchenmännern ihrer Zeit wie Eusebius von Caesarea in Palästina und Athanasius von Alexandria. Mit ihnen überstand der trinitarische Glaube das Jahrhundert gegen die damals weit verbreitete arianische Lehre, die besagte, dass Jesus Christus ein Geschöpf Gottes und nicht Gott selbst sei.

Basilius der Große war schließlich unter dem arianischen Kaiser Valens einer der letzten amtierenden Bischöfe der trinitarischen Lehre, ein harter kappadokischer Fels im Strudel der Kirchengeschichte. Darüber hinaus waren sie in ihrem alltäglichen Handeln vorbildlich für die zukünftigen Generationen von Christen und Klerikern. Basilius der Große verschenkte während einer großen Hungersnot sein erhebliches Vermögen an die Armen, er baute Krankenhäuser und veranlasste Armenspeisungen. Die karitativen Einrichtungen Caesareas galten damals als Weltwunder. Aber Basilius gründete auch Klöster und befahl den Mönchen, nicht nur weltvergessen an sich selbst zu denken; sie sollten arbeiten und nützlich für die Allgemeinheit sein, neben Beten und dem Studium der Bibel.

Alle drei Kirchenväter lebten bescheiden und liebten das zurückgezogene Leben, was ihnen in ihren Positionen nicht immer vergönnt war. Gregor von Nazianz flüchtete von seinen Ämtern immer wieder in die Einsamkeit einer Höhle, er liebte die Stille und wurde ein großer Dichter und einer der wichtigsten christlichen Mystiker . Sie arbeiteten hart an sich und prägten das Christentum wie nur wenige.

In Kappadokien ist aus dieser Zeit kaum ein Zeugnis geblieben. Eine Kirche im Dorf Güzelyurt ist Gregor von Nazianz geweiht. Der Bischofssitz des Gregor von Nyssa ist heute eine quirlige Großstadt, Nevsehir in Kappadokien. Das antike Caesarea heißt heute Kayseri und hat über 800.000 Einwohner.

Kappadokien wurde nie wieder so berühmt. Aber Menschen, die die Einsamkeit in dieser unvergleichlich schönen und bizarren Landschaft suchten, gab es viele. In dieser christlich regen Zeit gab es intensive Kontakte zum Mönchsberg Athos in Griechenland. Man lebte zurückgezogen, aber kosmopolitisch. Diesen Eindruck vermittelt Kappadokien bis heute. „Tausend“ Kirchen soll es hier noch verborgen geben und tatsächlich überrascht hinter manchem unscheinbaren Eingang in der Felswand eine kleine Kapelle, oder sogar eine 3-schiffige Kirche oder Basilika mit Säulen, Kuppeln und Apsiden von manchmal atemberaubender Größe und Erhabenheit. Ganze Klosteranlagen mit Refektorium und Mönchsklausen verbergen sich hinter dieser wundersamen Erosionslandschaft.

Der Bilderstreit des 8.Jahrhunderts war die nächste große Zerreisprobe in der christlichen Kirche des Ostens: Dürfen Gott, Jesus Christus oder die Heiligen abgebildet werden? Kaiser Leon III befahl die Zerstörung der Bilder. Auch in Kappadokien wurden fast alle Fresken und Ikonen dieser Zeit von so genannten Ikonoklasten vernichtet und verfolgte Bilderverehrer zogen sich in das undurchdringliche Labyrinth kappadokischer Höhlen und unterirdischer Städte zurück. Aber die folgenden Jahrhunderte brachten erneut eine Blütezeit im Klosterleben Kappadokiens und noch heute sind viele großartige Fresken aus dieser Zeit zu bewundern.

Kappadokien ist keine biblische Landschaft, dennoch ist Paulus  hier sicherlich auf dem Weg zu den benachbarten Galatern durchgekommen und seine Ermahnungen galten auch den Kappadokiern.

Mensch und Natur scheinen hier eine außergewöhnliche Symbiose eingegangen zu sein, die ruhiger werden lässt für etwas anderes Irreales, Mystisches, ganz und gar Außergewöhnliches?

Kappadokien strahlt Spiritualität aus.

Manchmal sieht man Menschen in sich versunken auf einen dieser skurrilen Felsspitzen hockend oder eine kleine Gruppe von Christen in einer der Höhlenkirchen ganz unvermittelt ein Kirchenlied anstimmend, oder einen einzelner Touristen vor einer Ikone betend. Aber nicht nur Christen, auch Moslems treffen hier auf ihre großen Mystiker, wie Yunus Emre und Hadschi Bektasch: diese Derwische predigten um 1300 n Chr. Bescheidenheit und Nächstenliebe, praktizierten das Abendmahl und verehrten Jesus Christus als einen ihrer großen Märtyrer. Die UNESCO erklärte Kappadokien 1985 zum Weltkultur- und Naturerbe und das Jahr 1990 zum Yunus Emre-Jahr: zum Jahr des Friedens und der Liebe!

So war und ist Kappadokien ein echter Ort der Begegnung. Menschen wollten hier immer das Einigende spüren, nicht das Trennende. Kappadokien scheint es einem dabei leicht zu machen.

 

 

Susanne Oberheu

Reiseleiterin und Inhaberin von Kappadokya Travel

Autorin des Reiseführers:

Kappadokien. Ein Reiseführer durch das Land der Feenkamine und Felsenburgen

www.kappadokya-travel.com

www.kappdokien-reisefuehrer.com

Autor:
Datum: Montag, 21. Februar 2011 19:21
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