Der Patagonientourist in Kappadokien

oder wie man richtig reist…

 

Der sogenannte Patagonientourist in Kappadokien wünscht das echte und wahre Kappadokien zu sehen. Er legt allergrößten Wert darauf, dass ihn der Einheimische nicht als Einnahmequelle, sondern neugierigen Besucher und wohlwollender Freund sieht, eben so wie er sich selbst sieht. Deswegen achtet er streng darauf, dass ihm nur das wirkliche Kappadokien gezeigt wird, abseits aller von anderen Touristen frequentierten Wege und Orte. Er lässt sich auch nur sehr ungern als Tourist bezeichnen. Touristen sind in seinen Augen oberflächliche Konsumenten, die sich wenig für die Kultur eines Landes interessieren und daher willige Opfer der einheimischen Geschäftemacher sind. Ein Tourist kauft alles, was man ihm anbietet, er als Reisender dagegen nur das wirklich Echte und Besondere, wenn überhaupt. So nimmt er viele Unbequemlichkeiten in Kauf, denn fälschlicherweise wird er immer wieder wie ein normaler Tourist behandelt, wenn er Hotels, Restaurants oder Geschäfte betritt. So sucht er unentwegt nach Auswegen aus dieser Miesere, isst lieber gar nichts und geht große Umwege als den Ausschilderungen für Touristen zu folgen. 

Außerdem hat der Patagonientourist eine klare und theoretisch gut vorbereitete Vorstellung von dem, was er für das Wahre und Echte hält.

 

Idealer Weise soll man auf Reisen seinen Horizont erweitern. Das bedeutet aber, dass der Horizont, den man bisher hatte, vielleicht verrückt wird, also ganz unvorhergesehene Einsichten das bisherige Weltbild verändern.

 

Davon hält der Patagonientourist wenig. Sein Weltbild wurde ihm bereits von namhaften Schriftstellern und Wissenschaftlern in vielen Lesestunden im heimischen Wohnzimmer vermittelt. Daran kann ein Einheimischer mit 4 Jahren Schulbildung und wenig Kenntnissen von diesen Dingen kaum rütteln. Eher sollte man den Einheimischen über die Tragweite seiner Kultur und seines Denkens aufklären, sozusagen als kleine Entwicklungshilfe nebenbei.

 

Mit einem massiven Fundament an Einsichten geht dann auch der Patagonientourist an seine Aufgabe, Land und Leute zu erkunden. Ausgerüstet mit allen zur Verfügung stehenden gedruckten Informationen und der dazugehörigen Technik schreitet er ans Werk. Seine größten Trophäen sind Fotos vom spontanen Einheimischenkontakt, weit weg von jeder Zivilisation und Technik: Strommasten, Autos und Fernsehgeräte auf seinen Fotos will er nicht haben und werden, wenn es gar nicht anders geht, digital nachgearbeitet, eben rausgeschnitten. Die echten und wahren Bilder sind  Fotos von lachenden Frauen mit Kopftuch, Männern in traditioneller Hose, am liebsten auf einem Esel, und natürlich Kinder in allen Variationen, gern schmutzig und barfuss in Lumpen. Auch die Schafherde mit Schäfer darf nicht fehlen. Dazu natürlich romantische Sonnenuntergänge von Landschaften, in denen sonst kein Tourist je gesichtet wurde.

Und dennoch lüstert es den Patagonientouristen auch nach anderen Beweisen seiner Reisetätigkeit, sogenannten Souvenirs. Aber echt sollen sie sein und möglichst geschenkt, denn die einheimische Tourismusindustrie zu unterstützen entspricht nicht seinem Konzept vom Reisen. Obwohl er aus dem gut situierten Bildungsbürgertum kommt, lässt er sich also gern beschenken: Wenn Einheimische ihn zum Essen einladen, ist das für ihn die größte Wertschätzung als Reisender und oft genug muss die Anwesenheit des Gastes Dank genug sein für die Großzügigkeit. Man will die armen Wilden ja auch nicht mit Gaben des westlichen Wohlstandes verderben. Womöglich auch mit Geld seine Dankbarkeit zu zeigen, gehört zu den Todsünden des Patagonientouristen. Wenn Kleidung und Ausrüstung für die Reise auch ein Vermögen gekostet haben und man nicht an Markenprodukten gespart hat, so ist das schlichte Kaufen eher verpönt und entspringt dem Kapitalismus, den man ja in der Fremde nicht unterstützen möchte.

 

Trotz intensivster Vorbereitungen passieren dem Patagonientouristen dennoch manchmal Fehler. Da er wenig auf die Beratung von Einheimischen Wert legt und andere Touristen sowieso keine Ahnung haben, also jeder nicht gedruckten Information eher kritisch gegenübersteht,  können diese Fehler ausgesprochen peinlich werden.

 

Warum der Patagonientourist von der Autorin so genannt wird, erzählt die folgende wahre Geschichte:

 

Ein Tourist, der als solcher nicht erkannt und genannt werden möchte, betritt schließlich dennoch irgendwann einen kleinen Teppichladen in der Altstadt von Avanos in Kappadokien. Eigentlich will er gar nicht und der freundliche Teppichhändler muss ihn fast hineinziehen, aber schließlich und unter Protest gibt er nach und betritt den unechten Ort, an dem man für Teppiche bezahlen muss und wo jedem dummen Touristen das Geld aus der Tasche gezogen wird.

Um seine Ehre zu retten und um seine Andersartigkeit zu demonstrieren, wiederholt er gebetsmühlenartig, dass er aber nur und ausschließlich echte Patagonien-Teppiche sehen wolle! – Der freundliche Teppichhändler zuckt zusammen. Eine gute Reaktion, wie der Patagonientourist meint, denn jetzt hätte er den Teppichhändler überrascht und ihm gezeigt, dass er anders ist all die anderen Touristen. Der Teppichhändler wedelt etwas hilflos mit den Armen: „Leider, nein, damit könne er nicht dienen, aber vielleicht…..“ -  „Nein!“, kontert der Patagonientourist nun wesentlich selbstsicherer und seiner Einzigartigkeit bewusst: für ihn käme, wenn überhaupt, nur ein echter und wirklich  e c h t e r  Patagonien-Teppich in Frage. Er ließe sich da auch nicht beirren oder rumkriegen wie vielleicht andere. So geht das eine ganze Weile, der Teppichhändler wühlt verzweifelt in seinem Gedächtnis danach, was ein Patagonien-Teppich denn sein könne und ob er in seinem umfangreichen Sortiment dem strengen Kaufinteressenten vielleicht doch noch etwas Ähnliches bieten könnte. Bis schließlich die bis dahin stille Ehefrau des “Patagonientouristen” ganz leise flüstert:

 “Kappadokien, mein Schatz, ………….K a p p a d o k i e n  !  ! !“

 

Susanne Oberheu 

www.kappadokya-travel.com

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Der Reiseführer für Kappadokien soll eine Hilfe sein, um sich auf etwas Neues einlassen zu können.....

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Datum: Freitag, 24. Juni 2011 12:45
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