Als ob die Zeit still steht….

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es scheint als ob die Zeit still steht in Kappadokien oder sich zumindest extrem verlangsamt hat. In einer Region, in der nicht mehr als 50.000 Menschen in kleinen und größeren Dörfern wohnen, hatte sich das Leben in den letzten Jahren mit fast 2 Millionen Besuchern jährlich sehr verändert. Der Gemüsegarten blieb liegen und man kümmerte sich um die Touristen, die plötzlich scharenweise über die Landschaft herfielen. Gerade um diese Zeit im September stöhnte Kappadokien unter den vielen Aufgaben, die die Versorgung von so vielen Urlaubern mit sich brachte. Aber in dieser Zeit verdiente man nun einmal das Geld fürs ganze Jahr, denn im Winter bei minus 20 Grad kommen nur wenige.

Wer jetzt durch Kappadokien geht erlebt eine Region wie vor 20 Jahren. Die Menschen sitzen dösend vor der Tür oder bringen wieder ihre Gärten auf Vordermann. Die Märkte sind nach wie vor voll, es ist Erntezeit und man bereitet sich auf den kommenden Winter vor. Tomaten, Weintrauben und Paprika werden in der heißen kappadokischen Sonne getrocknet oder über offenem Feuer zu Sirup und Paste eingekocht. Man trifft sich, hat Zeit für einen Schnack und wartet eben einfach ab, was die Zeit so bringt. Es scheint eine überfällige Atempause für manchen zu sein.

Es ist OHAL, Ausnahmezustand in der Türkei seit nun mehr als eineinhalb Monaten. Es heißt, dieser Zustand soll mindestens noch einmal solange dauern. Touristen gibt es fast gar keine mehr und da viele Kappadokier sich in den letzten Jahren darauf eingestellt haben, sehen sie nun einer schwierigen Zukunft entgegen. Aber man nimmt es erst einmal gelassen, viele genießen sogar die plötzliche Ruhe in ihren Dörfern.  Die Panik und Hysterie in Europa können die meisten Türken nicht nachvollziehen, wenn sie auch ganz unterschiedlicher Meinung darüber sind, was gerade politisch in ihrem Land passiert. Die eine Hälfte der Türken hält den Ausnahmezustand für richtig und vertraut und glaubt ihrem Präsidenten, dass er sie aus dieser Krise führt, die andere Hälfte nicht. Dennoch warten alle ab, was können sie auch sonst tun hier auf dem Land. Es ist als ob die Zeit angehalten wurde. Man jagt den Geschäften nicht mehr hinterher, was nicht da ist, ist eben nicht da. Die Türken haben Übung darin. Vor über 20 Jahren gehörte die Türkei zu den ärmsten und politisch instabilsten Ländern der Welt. So saß man tagtäglich ohne Arbeit in einem zerrütteten Land, trank Tee und wartete im Schatten der anatolischen Sonne auf bessere Zeiten. Mit dem Tourismus kamen die besseren Zeiten, aber auch der Trubel und der Stress. Man erinnert sich nun dieser längst vergangenen Tage und schaltet eben ein paar Gänge runter.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Teppichhändler Ali Fuat hat Zeit für ein Nickerchen und mehr Zeit für seine Familie, seine kleine Tochter und ein zweites Kind ist unterwegs..

Wer in Europa und Deutschland jetzt die täglichen Horrornachrichten einfach ignoriert, was offensichtlich aber keiner kann, der erlebt Kappadokien pur:  

Die Landschaft ist in ihrer Verlassenheit noch schöner geworden. Die Menschen hier auf dem Land haben trotz der Krise zu ihrer orientalischen Ruhe zurückgefunden und genießen die freie Zeit. Der Türke muß nicht täglich erfolgreich sein, um Selbstwertgefühl zu haben. Er kann die Seele auch einfach einmal baumeln lassen, die Sorgen bei Seite schieben und den schönen warmen Sommer genießen. Die Zeit wird es schon bringen, Kismet eben.  Und ein weiterer psychologischer Effekt der Krise ist, dass durch den Tourismus reich gewordene Nachbarn nun wieder zusammensitzen mit denen, die schon immer nichts hatten. Die einen klagen über Schulden und den Untergang ihrer materiellen Existenz,  die anderen über den Zustand des Landes und den erneuten Ausfall der Aprikosenernte – Die Krise macht wieder gleich!

Und über die Frage, ob denn ein Terroranschlag in Kappadokien möglich wäre, lachen die Leute: „Ist doch keiner hier, wen sollten sie denn treffen? Den alten Mehmet, wenn er in seinen Garten geht?“ – Humor in Zeiten der Krise!

 

Türkische Touristen genießen Kappadokien

 

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Datum: Dienstag, 30. August 2016 12:47
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