Mystisches Denken in Kappadokien

 

Wie in Sahne versinkt man in dieser Landschaft und der weiche Tuff macht es möglich, dass man nicht an der Oberfläche bleibt

Wie in Sahne versinkt man in dieser Landschaft und der weiche Tuff macht es möglich, dass man nicht an der Oberfläche bleibt

 

Das Gleichnis vom Elefanten – eine wahre Geschichte! 

 

“Einst hatte ein König den Auftrag gegeben, alle von Geburt an Blinden der Hauptstadt an einem Ort zusammenzubringen. Anschließend befahl er ihnen, einen Elefanten zu betasten und danach das Aussehen und die Beschaffenheit des Tieres zu beschreiben. Die Antworten fielen entsprechend unterschiedlich aus, je nachdem, welches Körperteil der Blinde zu fassen bekam: wie eine Säule sei der Elefant… wie ein Sessel… wie ein Fächer…  Jeder der Blinden konnte aber hören, was sein Nachbar sagte und war entsetzt über die falsche Meinung des anderen. So entstand unter den Blinden ein heftiger Streit, wobei ein jeder den anderen zu überschreien versuchte, wie denn ein Elefant tatsächlich beschaffen sei.”

 

 

Dieses Gleichnis von Buddha wanderte schließlich von Indien durch den Orient bis nach Zentral-Anatolien, wo der Derwischmystiker Dschalal ad-Din Rumi erklärt, dass viele Wege zu Gott führen und es keine objektiv fassbare Wahrheit gäbe. Auch erklärt er, dass Dogmen eine Gefahr für die Religion seien und dass alles Trennende überwunden werden muss; nur die Liebe sei ein echtes religiöses Gefühl.Dogmen aber haben Jahrhunderte nach Buddha, Jesus und Mohammed neue Regeln für den Menschen aufgestellt, die wieder das Trennende statt das Einigende hervorheben, das Leben härter machten statt leichter. Die christliche Kirche erklärte nur wenige Jahrhunderte nach Jesus jene für Ketzer, die nicht an den Gott der Dreifaltigkeit oder den 2 Naturen Jesu glaubten. Die Sunniten unter den Moslems erklärten nur Jahrzehnte nach Mohammed den Koran für die letzte und absolut gültige Wahrheit, der nichts mehr hinzugefügt werden dürfe.

 

Höhlenwohnungen, Mönchsklausen : Hier verschmilzt der Mensch mit der Natur und kommt zur Ruhe

Höhlenwohnungen, Mönchsklausen : Hier verschmilzt der Mensch mit der Natur und kommt zur Ruhe

Es muss an der Landschaft liegen, dass gerade auf der kargen Hochebene Zentralanatoliens sowie in den verborgenen Höhlen Kappadokiens sich Menschen fanden, die ganz anders dachten und bis heute Maßstäbe für ein gemeinsames Leben aller Gläubigen setzten. Dschalal ad-Din Rumi, Begründer des Mevlevi-Ordens im nahen Konya, lebte vor 800 Jahren und ist bis heute einer der größten Mystiker des Islam. Yunus Emre vom Bektaşi-Orden, Mystiker und der erste Humanist der Geschichte, predigte in Hacibektaş in Kappadokien und wird bis heute nicht nur von den Türken geehrt und gefeiert. Vor über 700 Jahren erklärte er: „Suche Gott in deinem Herzen, nicht in Jerusalem oder Mekka!“ und „Wer Liebe fühlt, trägt Gott im Herzen!“ und „Viele Wege führen zu Gott!“

 

Der kappadokische Bischof Gregor von Nazianz zählt noch heute zu den größten Mystikern der Christen.

 

 

Fernab von Regeln und Dogmen scheint gerade die Landschaft Kappadokiens den Menschen mit sich und der Natur, der Welt, dem Universum und mit Gott zu versöhnen, unabhängig von der Religion!

Aus dem englischen Reiseführer von  Susanne Oberheu

tuerkei-kappadokien-kultur-wander-bildungsreise-religion

www.kappadokya-travel.com 

Autor:
Datum: Sonntag, 30. Januar 2011 12:10
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Geschichte, Islam

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

Kommentar abgeben