Hethiter in Kappadokien

Dieser etwa 4 m hohe Stein mit hethitischen Hieroglyphen steht in Kappadokien mitten auf einem Acker, vom Rest der Welt unbeachtet. Die Inschriften sind über 3000 Jahre alt!

Dieser etwa 4 m hohe Stein mit hethitischen Hieroglyphen steht in Kappadokien mitten auf einem Acker, vom Rest der Welt unbeachtet. Die Inschriften sind über 3000 Jahre alt!

 

……..Die Kopie des ersten Friedenvertrages der Welt zwischen den Ägyptern und Hethitern kann man heute im UNO-Gebäude in New York bewundern und das 3200 Jahre alte Original im Archäologischen Museum in Istanbul:

Verträge dieser Art waren damals nachhaltiger als heute: die Grenze zwischen dem hethitischen und ägyptischen Reich blieb stabil, keiner wagte mehr einen Angriff und jeder ließ sich zuhause als Sieger feiern. Ramses II verewigte seine vermeintlichen Heldentaten gegen die Hethiter im heimischen Karnak. Und bis ins 20.Jahrhundert n. Chr. glaubten ihm Touristen wie Wissenschaftler, weil von den Hethitern jede Spur verloren war. Um 1170 v.Chr. verschwand deren mächtiges Reich. Nur die Hieroglyphen von Karnak und wenige Bibelstellen wiesen überhaupt noch darauf hin, dass es einmal Hethiter gegeben haben musste.
Aber wer waren die Hethiter?
Deutsche Archäologen haben sie erst 1905 wieder entdeckt, ein Tscheche anschließend ihre Sprache aus Keilschrifttafeln entziffert und herausgefunden, dass die Hethither Indoeuropäer waren.
2,5 Milliarden Menschen gehören heute zur Sprachgruppe der Indoeuropäer: fast alle Ost- und Westeuropäer, Russen, Amerikaner, aber auch Kurden und Iraner gehören dazu.
Chinesen, Türken, Araber und Afrikaner zum Beispiel gehören anderen Sprachfamilien an.
Eines der größten antiken indoeuropäischen Reiche war also das unbekannte Reich der Hethiter.
Und dieses hatte ihr Zentrum in der Region des heutigen Kappadokiens in Zentralanatolien, nördlich und südlich des Flusses Kizilirmak, der bei den Hethitern Marassanta hieß. Beschriftete Tontafeln, die sogenannten Kappadokischen Tafeln aus dem heutigen Kültepe bei Kayseri brachten nach Jahrtausenden ein vergessenes Volk wieder ans Licht. Kültepe hieß vor über 3500 Jahren Nescha und war vor Hattuscha die erste hethitische Hauptstadt und orientalisches Handelszentrum gewesen. Ihre spätere Hauptstadt Hattuscha liegt etwa 150 km nördlich von Kappadokien.
Zur gleichen Zeit hatte die mykenische Kultur in Griechenland ihre Blütezeit. Ein Austausch der Kulturen hat sehr wahrscheinlich an der Küste Anatoliens stattgefunden(Troja/Milet). Auch ist das Löwentor von Hattuscha (ca.1550 v.Chr.) dem von Mykene (1250 v.Chr.) in Griechenland erstaunlich ähnlich. Die mykenische Hochkultur Griechenlands wurde bisher als Wurzel europäischer Zivilisation angesehen. Aber bereits 1000 Jahre vor den ersten Zügen einer Demokratie in Griechenland und über 3000 Jahre vor der ersten grundlegenden Verfassung der Welt (Bill of Rights 1689) hatten die Hethiter in Anatolien eine Verfassung und eine bindende Gesetzgebung. Ganz ungewöhnlich und ihrer Zeit weit voraus war auch ihre sehr differenzierte und humane Rechtsprechung.
Könnte nach neueren Erkenntnissen die Wiege europäischen Denkens und Fühlens womöglich nicht bei den Griechen sondern bei den Hethitern in Zentralanatolien liegen?

Ein hethitische Spiel, nachgearbeitet in der Töpfer-Werkstatt Ikizler in Avanos

Ein hethitisches Spiel, nachgearbeitet in der Töpfer-Werkstatt Ikizler in Avanos

Auf jeden Fall sind die Hethiter die ältesten bekannten Vertreter der indoeuropäischen Sprachfamilie.

Außerdem tranken sie gerne Bier, sollen sehr verspielt gewesen sein und waren geniale Militärstrategen.

Sicherheit liebend wie sie waren, nahmen sie auch die Götter der besiegten Völker in ihrem Pantheon mit auf: die Rache fremder Götter ängstigte sie. So war ihre Götterwelt groß und zahlreich.

Die Hethiter werden auch das Volk der 1000 Götter genannt.

Diese waren ihnen wichtiger als Schlachten, die sie für Zeremonien in der Heimat schon mal abbrachen.
Der Herrscher war König, Richter, Priester und Feldherr zugleich, aber nicht allmächtig. Seit 1500 v.Chr. war er an eine Verfassung gebunden und die Regierungsgewalt musste er sich mit einer ihn kontrollierenden und beratenden Gemeinschaft von Amtsträgern teilen. Auch seine Frau hatte eigene Regierungsbefugnisse und als oberste Priesterin verfügte sie über große Macht.
Frauen spielten auch in der Götterwelt keine untergeordnete Rolle.
Die berühmteste aller Göttinnen ist die Großgöttin Kybele.
Bereits 6000 v.Chr. hatte in Anatolien ( Catal Höyük ) die Muttergöttin neben dem Stiergott allergrößte Bedeutung. In den folgenden Jahrtausenden wurde die Großgöttin, Große Mutter (Magna Mater) oder Muttergöttin, wie sie genannt wurde, sehr verehrt. Die Kubaba der Hethiter, die Athene der Griechen, die Magna Mater der Römer, und sogar Maria als Mutter Gottes der Christen werden auf die anatolische Kybele zurückgeführt.
So ist der europäische Kulturkreis von Anatolien nicht zu trennen.

- aus der Englisch-Ausgabe des Reiseführers (Cappadocia) von S.Oberheu & M.Wadenpohl

Hethitisches Wandrelief aus der Werkstatt Ikizler in Avanos

Hethitisches Wandrelief aus der Werkstatt Ikizler in Avanos

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kopien hethitischer Töpferkunst findet man heute in den Töpfereien in Avanos.

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Datum: Mittwoch, 10. November 2010 16:24
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