Anatolien hat einen schlechten Ruf

Auszug aus dem Vortrag von Susanne Oberheu an der Universität Ulm im November 2013

 

Opferfest in der Türkei

 

 

 

 

 

 

 

Anatolien hat im Westen einen schlechten Ruf!

Was haben wir für Bilder im Kopf, wenn jemand von Anatolien redet?

- Ein unterentwickeltes Land, gebückte Menschen auf den Feldern, Männer auf Eseln, Frauen mit verhüllten Gesichtern und Kopftücher, ungebildet, arm und unterdrückt und einer archaischen Religion anhängend, dem Islam….

Ich möchte Ihnen aufzeigen, dass dieser schlechte Ruf auf uralte Abneigungen der westlichen Welt gegenüber der östlichen Welt zurückzuführen ist, weit vor dem Islam und Ihnen einen neuen Blickwinkel zeigen, der nicht mehr so anachronistisch ist.

Denn nicht Anatolien ist zurückgeblieben, sondern unsere Vorstellung von Anatolien!

Unsere Urteile über eine der wichtigsten und herausragenden Regionen der Weltgeschichte sind uralt und entstammen einer Zeit Jahrhunderte zuvor -  also Vorurteile!

- Aus einer Zeit, als Europa am Boden lag, arm, unwissend, zerrissen, abergläubisch und terrorisiert von fanatisch Religiösen, die ihre Erfüllung im Opfertod erblickten, die fremde Lebensweisen lieber bekämpften als von ihnen zu lernen und die trotzdem auf der Suche nach Identität und beruhigendem Selbstwertgefühl waren… Also aus einer Zeit, die ganz ähnlich war für uns Christen wie heute für manche Muslime! In dieser Zeit hatten wir Kontakt mit einer uns weit überlegenden Kultur und Wirtschaftsmacht. Aber wir waren nicht bereit, von ihnen zu lernen, ihnen zuzuhören, wir hatten Angst davor und versuchten das Neue von uns fern zuhalten, uns an alte gewohnte Wahrheiten zu klammern, an Menschen, die uns den Feind erklärten und ihn verdammten, auf dass wir ruhig schlafen konnten. Die meisten Errungenschaften der islamischen Blütezeit wurden von fanatischen Christen zerstört und neue Gedanken und Erfindungen gingen einen oft gefährlichen Weg bis sie dann doch endlich das dunkle Europa erreichten und damit uns den Weg für die Neuzeit freimachten. Die, die sich dafür einsetzten wurden nicht selten dafür verachtet, verfolgt oder sogar getötet. Europa entwickelte sich und überholte schließlich alle ! ..Und Europa schusterte sich eine Vita zusammen, die es noch heldenhafter erscheinen ließ und verleugnete dabei sein eigentliches Elternhaus. Unser geschichtliches Bewusstsein beginnt mit den Griechen. Sie halten wir für das Fundament unserer Kultur, unserer Freiheit, Demokratie und unserer Lebensweise! Unser Denken endet quasi östlich von Griechenland – kurz hinter Thessaloniki!

Dabei beginnt dort erst alles:

Selbst die Griechen haben sich nie für Europa interessiert, ihr Blickwinkel war immer östlich gerichtet, denn dort, jenseits des Bosporus in Anatolien begann eben alles und dort wollte man sein. Alexander der Große wäre nie im Leben darauf gekommen, seine Heimat in Makedonien Richtung Westen zu verlassen, selbstverständlich führte sein wilder Eroberungsdrang ihn nach Osten.

Europa war also lange Zeit das Ende der Welt oder höchstens eine uninteressante Randerscheinung.

Auch für Rom hatte die Eroberung Anatoliens Priorität bevor sie sich den wilden Galliern vor ihrer Haustür widmeten.

Es wurde sogar so wichtig, dass ein sogenanntes Ostrom direkt vor der anatolischen Tür geschaffen wurde, weit weg vom eigentlichen Rom; damit riskierten sie eine Spaltung, was ja auch dann passierte. Ostrom am Bosporus wurde schließlich zur Hauptstadt des Römischen Reiches und das ehrwürdige alte Rom am Tiber versank in Bedeutungslosigkeit – eine Kränkung, die schon Augustinus unerträglich fand!

Immernoch beschleicht uns Unsicherheit, wenn von dem großen Byzanz, alias Konstantinopel, alias Istanbul die Rede ist. Wir wissen, da war doch was, aber genauer hinsehen wollen wir auch nicht!

Selbst Historiker unserer Zeit, die sich  als Wissenschaftler doch jeder Polemik zu enthalten haben, rutschen in Texten über das Byzantinische Reich, also das Römische Reich im Osten, immer wieder Adjektive heraus, die da nicht unbedingt hingehören: sittlich und kulturell verkommen, unbeweglich, starrköpfig, grausam, despotisch - eben archaisch.

Ihr Rom dagegen bleibt Zentrum eines geistvollen Weltreiches.  Ja wir glauben sogar, Rom wäre Ausgang und Mitte des Christentums !

– wie falsch und was für eine Verklärung!

Anatolien, in der Antike auch Kleinasien genannt, gehört zu den Regionen der Welt mit den meisten antiken Kunst- und Kulturschätzen. Aber nicht nur die großen Reiche der Hethiter, Griechen, Römer, Byzantiner und Osmanen hatten hier ihren Hauptwirkungskreis, angerannt von Völkern der ganzen Welt, ob Wikinger oder Mongolen, Ägypter oder Assyrer.

Sondern die Geschichte geht viel viel weiter zurück:

Irgendwie kommt alles von hier:

Bisher nahm man an, dass der fruchtbare Halbmond zwischen Syrien und Iraq die Wiege der Menschheit sei. Nach vielen mühseligen Grabungen in den letzten hundert Jahren weiß man aber nun: alles begann in Anatolien, genau gesagt in Zentral- und Ostanatolien. Hier, nördlich des fruchtbaren Halbmondes von Mesopotamien in der Türkei fand man die ältesten Bauten der Menschheit. Hier fand die neolithische Revolution statt: hier wurde der Mensch sesshaft.

……und hier soll sogar die Menschheit bei einer Flutkatastrophe in der Arche überlebt haben….

Zahlreiche Ausgrabungen in der Türkei beweisen, schon vor 12.000 Jahren setzten Anatolier als erste Menschen Steine übereinander und bauten feste Häuser, statt in Schilfhütten zu wohnen (Hallan Cemi im Osten der Türkei)  und Religion spielte auch schon immer eine Rolle: der älteste Tempel der Welt steht im Südosten der Türkei und ist ebenfalls 12ooo Jahre alt: Göbekli Tepe.

Die älteste über Jahrhunderte andauernde Besiedelung einer Ortschaft steht ganz in der Nähe von Kappadokien: Pinarbasi! Allerdings lebten hier die Menschen vor 10.ooo Jahren noch in Schilfbauten. Dann aber haben sie sich modernisiert und neben an neugebaut, dieses Mal aus festen Steinen und dicht an dicht: Catal Höyük, über 2000 Menschen haben hier wie in einer Stadt gewohnt und die ersten Keramiken geschaffen, darunter wundervolle Skulpturen, die bis heute von kappadokischen Töpfern nachempfunden werden. Das war vor über 8000 Jahren!

Und bereits vor Urzeiten ( 800.000 Jahren) haben hier Menschen Obsidian abgebaut: das schwarze Vulkangestein schneidet und ist scharf wie Glas: Kömürcü Kaletepe am Göllu Dagi in Kappadokien. - Von hieraus wurde sogar weitreichender Handel betrieben, denn schneidender Stein war in der Zeit vor dem Metall Gold wert!

Der älteste hominine Fund in Georgien nordöstlich von Ostanatolien beweist: schon vor 1.8 Mio Jahre zogen die ersten Menschen, die aus Afrika kamen, nach Anatolien!

Wobei das heute sogenannte Ostanatolien korrekterweise geologisch gar nicht mehr Anatolien ist. Der Graben zwischen der arabischen, eurasischen und der anatolischen Platte verläuft wesentlich weiter westlich. Seit Anbindung Kurdistans an den Staat Türkei bezeichnet man auch diesen Teil Anatolien.

Der Name Anatolien kommt aus dem Griechischen und heißt soviel wie Land im Osten. Der Blickwinkel der Griechen war von Westen, vom griechischen Festland, von der Ägäisküste und von Konstantinopel aus gesehen.

Wir sehen also, der Mensch entwickelte sich als erstes in Anatolien, baute hier seine ersten Häuser und Tempelanlagen und betrieb den ersten Handel mit dem so seltenen aber lebenswichtigen Obsidian aus Kappadokien.

Aber auch für die Zukunft schien Anatolien die wichtigsten Rohstoffe zu liefern:

Kupfer und Zinn!

Vor 8000 Jahren wechselte hier, in Syrien, Israel und Osteuropa die Steinzeit in das Zeitalter des Metalls, zunächst in die Kupferzeit. Das älteste Kupferbergwerk der Welt jedoch steht in Ost-Anatolien und wurde bereits vor 7000 Jahren in Betrieb genommen.  (Ergani Maden bei Malatya)

Aber Zinnfunde im Taurusgebirge im Süden Anatolien revolutionierte die Gesellschaft von Neuem: jetzt konnte Bronze, später Eisen hergestellt werden.

Anatolien wurde zum Silicon Valley: von hier gingen aber nicht nur die technischen Erneuerungen aus, sondern man vermutet auch, dass von hier die indogermanische Sprache Europa erreichte.

Unter den Hethitern in Anatolien begann das Bronzezeitalter. Der Handel blühte. Assyrische Kaufleute von der arabischen Halbinsel scheuten weder Kosten, Wege  noch Mühen und errichteten in Kappadokien erste Handelszentren. Kappadokien wurde zum größten Handels- und Wirtschaftszentrum und der Reichtum lockte und vermehrte sich. Denn nun brachten die Assyrer nicht nur die Schrift nach Kappadokien, mit der man besser Buchhaltung und internationale Korrespondenz führen konnte. ….….Sondern sie brachten auch das Eisen  - und die Hethiter wussten damit umzugehen. Sie leiteten damit die Eisenzeit ein, erfanden den ersten “Stahl” und hatten ein Monopol darauf!  Die Hethiter waren ein indogermanisches Volk, das nach Anatolien eingewandert war. Ihre Macht und ihr Reich war so groß, dass selbst der große Ramses II von Ägypten vor ihnen auf die Knie ging und eine Pharaonenwitwe einem hethitischen Prinzen die Macht Ägyptens zu Füßen legte. Die Hethiter waren jedoch wenig geneigt und lehnten ab. (Suppiluliumas 1400 v.Chr.)  Das alles wissen wir nur, weil ein deutscher Archäologe 1905 das verschollene Volk der Hethiter an ihren rechtmäßigen Platz in der Geschichte zurück führte. Vorher kannten wir nur die Ausführungen von Ramses II, der den großen vermeintlichen Sieg über die Hethiter auf seiner Tempelanlage in Karnak verewigte. Eine geschichtliche Lüge, die über 3000 Jahre geglaubt wurde.

Bis eben Hugo Winckler Tausende von Schrifttafeln fand, auf denen in hethitischen Hieroglyphen aber auch in assyrischer Keilschrift jedes Detail genau vermerkt war – Irgendwie  peinlich für die Ägypter, denn Ramses soll in der Schlacht bei Kadesch (1274) umzingelt worden sein und wäre dann wie ein Hase davongelaufen, so die hethitische Version! –  Auf jeden Fall einigten sich beide Parteien auf eine Grenze zwischen ihren Reichen – der erste Friedensvertrag der Weltgeschichte!  Zu sehen heute im Archäologischen Museum in Istanbul!

Hier in Anatolien fand der Fortschritt statt: bessere Waffen aus Eisen, bessere Technik, bessere Infrastruktur und Handel, besseres Leben.

Das alles war urplötzlich vorbei:

Eine Naturkatastrophe gigantischen Ausmaßes brach über die damalige Welt herein.

Auch heute noch würde ein derartiger Vulkanausbruch uns innerhalb weniger Wochen in die Steinzeit katapultieren  Der Vulkan auf Thera, das heutige Santorin verdunkelte die Erde, brachte Flutwellen und Hungersnöte, Ernteausfälle, Kälte… und das für sehr lange Zeit. Die biblischen Plagen künden davon. Sicher ist, dass um 12oo v.Chr. das Ägyptische Neue Reich unterging, genauso wie das Hethiterreich und das kretische Reich der Minoer. Menschen waren überall auf der Flucht oder auf der Suche nach Essbarem. Eine Völkerwanderung setzte sich in Gang und für viele hieß das Ziel Anatolien: Die Phrygier kamen vom Balkan, arme halb verhungerte Bauern, die nun die Hochkultur der Hethiter ersetzten. Und es kamen die sogenannten Seevölker, also Menschen, die von weit her über das Mittelmeer nach Anatolien, Ägypten und die Levante drängten, sicherlich alle auf der Suche nach fruchtbarem Ackerland, nach Essbarem. Seitdem hatte man von den Hethitern nichts mehr gehört, bis eben vor etwa 100 Jahren deutsche Archäologen durch Zufall darauf stießen. Heute kann man Hattusa, die Hauptstadt der Hethiter, etwa 150 km von Kappadokien entfernt besichtigen. Im kappadokichen  Töpferort Avanos, im Zentrum des Hethiterreiches gelegen, werden bis heute, wahrscheinlich durchgängig seit über 3500 Jahren, Töpfe hergestellt. Und die kappadokischen Töpfer aus Avanos, heute Türken, besinnen sich ihrer großen handwerklichen Vergangenheit und reproduzieren hethitische Keramiken, jetzt für japanische Touristen.

Die Welt wurde durch dieses Ereignis zurückgeworfen. In kleineren Gruppen versuchte man nun zu überleben. Es gab keine Großreiche mehr mit mächtigen Königen und Pharaonen, mit überlegener Kultur und Verwaltung.  Städte und Länder verödeten.  Kleinere Königreiche und Fürstentümer entstanden, die oft den neuen Herausforderungen und den Angriffen fremder Völker nicht gewachsen waren. Und wo die Menschen überlebten, gingen sie im Strom der Zeit unter, vermischten sich mit den Neuankömmlingen …und davon gab es viele in Anatolien!

- Und das Eisen hatte allen eine Waffe in die Hand gegeben, die ihnen das Rauben und Plündern einfacher machte.

Die nächste Heimsuchung musste Anatolien von den berüchtigten Reitervölker von nördlich des Schwarzen Meeres erfahren. Männer mit Pfeil und Bogen und eisernen Spitzen, kühne und verwegene Reiter und gnadenlose Krieger eroberten das Reich der Phrygier, das es inzwischen zu erheblichen Reichtum gebracht hatte…. …..und das hatte sich wohl herumgesprochen!

Der phrygische König Midas war dafür bekannt, dass alles in seinen Händen zu Gold wurde.

Die Neider behaupteten natürlich, dass man Gold nicht essen kann, er also deswegen ja verhungert sein müsste. König Midas jedoch starb an Ochsenblut, das er trank, als die wilden Kimmerer das Land eroberten. Übersetzt heißt das vielleicht, dass die Kimmerer, auf der Suche nach dem anatolischen Schatz, ihn damit zu Tode folterten. Das Reitervolk der Kimmerer überzog Anatolien mit Terror, Raub und Totschlag, blieb eine Weile und verzog sich wieder in die nördlichen Steppen. Das einzige, was sie dem geschundenen Anatolien hinterließen, waren Hügelgräber! Diese Art der Bestattung  kannte man bisher in Anatolien noch nicht und noch heute sieht man sie über der rauen anatolischen Hochebene verteilt aufragen. Das reiche Volk der Phrygier erholte sich nicht mehr davon und in die Macht-Vakanz stieß ein neues Volk, die Lyder. Auch dessen König ist uns allen bekannt ob des ungeheuren Reichtums: König Krösus. Reichtum und Wohlstand machen arrogant und vernebeln den Blick für Realitäten: Als die Perser Anspruch auf Anatolien geltend machten, ging König Krösus, wie es sich für einen verantwortungsvollen Herrscher damals gehörte, zum Orakel. Dieses versicherte ihm, dass wenn er den anatolischen Fluss Halys im Osten überqueren würde, er ein großes Reich zerstören würde. Das bestätigte König Krösus in seinem Machtbewusstsein und so zog er gegen die Perser – zerstören jedoch tat er sein eigenes Reich, nicht das der Perser! In die Zeit des sagenhaften König Midas fällt dann auch die von mir vertretene These der Unterirdischen Stätte (Siehe Artikel: „ Das Geheimnis der Unterirdischen Städte“)

Die nächsten Jahrhunderte regierten die Perser und brachten als erstes großes Reich nach den Hethitern wieder Ruhe, Ordnung und Infrastruktur ins Land. Der persische König Kyros ließ die Königsstraße quer durch Anatolien bauen: von der Westküste Sardes bis nach Susa in Persien.

Später entwickelte sich daraus die Seidenstraße, die das Mittelmeer mit China, Indien und sogar dem Pazifik verbinden sollte.  Die Welt kam nach Anatolien: Waren, Gedanken, Menschen, Religionen von weit her. Allerdings stockte dieser weltweite Austausch westlich von Anatolien:

-          Europa wusste nichts davon! Auch hier schien die Grenze der Welt wieder der Bosporus zu sein. Erst im Mittelalter versuchten auch europäische Händler und Gelehrte, an diese großen internationalen Beziehungen anzuknüpfen, aber da glaubte ihnen keiner im zurückgebliebenen  Europa (Marco Polo).

So war es dann auch nur folgerichtig, dass Alexander der Große, der nur wenige hundert Kilometer westlich des Bosporus lebte, genau dahin wollte. Was sollte er auch schon westlich von Makedonien suchen, da war nichts. Und der Weg Richtung Osten war bereits geebnet und alles, was man kannte, das kam von da. Die folgenden Jahrhunderte wurde Anatolien also griechisch, genau wie der Rest der bekannten Welt. Die griechische Kultur durchdrang die bis dahin gelebte persische Kultur Anatoliens, eine faszinierende Vielfalt entstand. Wieder assimilierten ,wie so oft, die Anatolier die Kultur ihrer Eroberer. Die ersten großen griechischen Philosophen lebten und wirkten an der anatolischen Westküste: Thales von Milet, Heraklit von Ephesus – Gelehrte wie Herodot lebten in Bodrum. -  Anatolien stand für Gelehrtentum und geistigen Aufbruch!

Und nun endlich kommt das westliche Europa ins Spiel, Jahrtausende hatte es keine Rolle gespielt. Jetzt rüstete sich Rom zum Angriff!  Zunächst eroberten die Römer Griechenland und die Küstenregionen, dann nun endlich Anatolien und schließlich die Levante, und dann sogar Ägypten. Das ferne Rom war plötzlich der Nabel der Welt. Nichtsdestotrotz fand der intellektuelle Austausch weiterhin in Städten wie Alexandria in Ägypten, Antiochia und Efesus in Anatolien und in Athen statt. Gelehrte aus diesen Stätten zogen in die Reichshauptstatt, um dort den griechisch sprechenden Römern von der geistigen Welt Asiens zu erzählen. Griechische Philosophie und der griechische Götterhimmel wurden geistig und religiöses Fundament der Römer. Dass in Rom Griechisch die feine Sprache blieb, zeigt deren Minderwertigkeitsgefühl gegenüber der damals griechischen Welt, zu der seit Jahrhunderten auch Anatolien gehörte! Nun war also Anatolien römisch, aber außer Gesetze, Verwaltung und Steuern blieb wenig römisch Kulturelles hängen. Eher lieferte Anatolien geistiges und religiöses Rüstzeug. Der im ganzen Römischen Reich verbreitete Mithraskult kam aus Anatolien, das die Römer nun Kleinasien nannten. Der in Rom so geliebte Mithraskult der Anatolier lieferte dann auch die Vorlage für etwas ganz Großes und Neues, was ebenfalls aus Asien kam, woher auch sonst:

Das Christentum!

Erste Anlaufstellen dieser neuen Heilsbewegung waren dann auch die geistigen Zentren der damaligen Welt: Alexandria, Antiochia, Ephesus und Athen. Für Rom bedeutete die neue sich rasant ausbreitende Sekte eine Bedrohung ihrer Autorität, mit der sie so verfuhr wie man das mit Rebellen nun mal machte: man folterte, verschleppte und tötete sie. Aber desto  mehr sie folterten und töteten, um so stärker schien die Sekte Zulauf zu bekommen. Der Todesmut und die Standhaftigkeit der neuen Christen beeindruckte.  Märtyrerlegenden gingen wie ein Lauffeuer durch die Welt. Wer war dieser Jesus, was für eine Religion war das, das Menschen die schlimmste Marter ertragen ließ? Ja lieber starben sie für einen Glauben, der weder Macht und Ansehen, noch Reichtum versprach, noch von irgendjemanden richtig begriffen wurde und denen der neue Gott offensichtlich auch nicht half!  Darüber Gedanken machte man sich nicht in Rom, Christen blieben unerwünschte Zeitgenossen, mehr nicht. Auch waren diese ersten Märtyrer keine Römer, sondern die meisten starben in Anatolien, wie Georg der Drachentöter aus Kappadokien, die Heilige Margaretha aus Antiochia, die Heilige Barbara aus Nicäa bei Byzanz, die heilige Dorothea aus Caesarea in Kappadokien. Gedanken darüber, wer Jesus war und was das Christentum bedeutete machte man sich in Anatolien und natürlich in Alexandria: hier war das Epizentrum geistiger Gelehrsamkeit.

Und hier rückt nun Kappadokien in den Fokus des Geschehens. Die größte Stadt Kappadokiens war das von den Römern so genannte Caesarea. Die geistigen Grundlagen unseres  heutigen Christentum wurden hier das erste Mal von zwei der herausragensten Theologen der frühen Kirchengeschichte formuliert und schließlich auch durchgesetzt: Der Heilige Basilios von Caearea und der Heilige Gregor von Nazianz in Kappadokien schmiedeten hier unser Glaubensbekenntnis zusammen, das noch heute genau so von allen Christen auf der Welt gesprochen wird und legten damit das Fundament der christlichen Kirche. Kappadokien war kein ungewöhnlicher Ort dafür, denn hier, nur 800 km von Jerusalem entfernt, fanden sich die ersten christlichen Eremiten ein, um sich der Welt der Römer zu entziehen und ein spirituelles Leben im Sinne der neuen Religion zu führen. Die vulkanische Felslandschaft bot zahllose Rückzugsmöglichkeiten für ein asketisches und zurückgezogenes Leben. Der weiche Tuffstein ließ sich einfach bearbeiten und so kratzten sich die ersten Christen ihre Höhlen, Klausen und Gebetsräume einfach in den Berg, verborgen von der Welt. Der neue Glaube ging mit seinen Anhängern von Jerusalem in zwei Richtungen: Nach Ägypten und nach Anatolien. Auch Paulus Weg der Missionierung führte ihn als erstes nach Ephesus in Anatolien. Und die ersten Bischofssitze waren dann auch in Caesarea in Palästina, in Alexandria, in Antiochia, und eben das Caesarea in Kappadokien und natürlich Konstantinopel. Diese Männer, Theologen und Gelehrte diskutierten dann im 4.Jahrhundert die Grundlagen des Christentums. Caesarea in Kappadokien setzte sich mit der Trinität gegen viele andere Glaubensrichtungen durch, die zum Beispiel Jesus nicht als Gottes Sohn sahen, sondern eher als Propheten wie die Arianer. Der Glaube an Vater, Sohn und Heiliger Geist, die sogenannte Trinität, wurde durch die kappadokischen Patriarchen zum ersten christlichen Dogma. Die ersten Konzile der Kirche wurden natürlich in Anatolien abgehalten: Nicäa und Chalkedon bei Konstantinopel, in Konstantinopel selbst und in Ephesus natürlich.

Und aus den Eremiten in Kappadokien wurden Mönche und Basilios von Caesaraea gab ihnen die ersten Mönchsregeln: Bete und arbeite! Mönche sollten der Armut verpflichtet sein und im Dienst der Armen stehen. Basilios selbst gab sein ganzes Vermögen für karitative Einrichtungen, die ersten ihrer Art. Das war 200 Jahre vor Benedikt von Nursia und dem ersten katholischen Mönchsorden. Die kappadokischen Mönche kratzten schließlich hunderte von Kapellen und Kirchen in den weichen Tuffstein Kappadokiens und schmückten sie mit wertvollen Fresken. Einer der schönsten bisher gefundenen Kirchen Kappadokiens ist die sogenannte Dunkle Kirche, zu bewundern im Göreme Museum!

Möglich gemacht hatte dieses allerdings ein Mann, der ganz machtpolitisch dachte: Kaiser Konstantin. Mitte des 4.Jahrhundert hatte Europa seine schlimmste Zeit durchzustehen: Die Hunnen mischten alle auf, der Hunger hatte schon Jahrhunderte vorher die germanischen Stämme aus dem dunklen Norden in den Süden ziehen lassen. Auf der Suche nach Weide- und Ackerland bedrängten sie die römischen Grenzen und die Römer hatten alle Hände voll zu tun, dieser Völkerwanderung Herr zu werden. Sie wurden es nicht: Germanen verdingten sich zunächst als fähige Söldner in der römischen Armee und schließlich zogen sie mit aller Wucht auf Rom zu, das den  Goten, Hunnen und Vandalen nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Als Kaiser Konstantin beschloss, sich dem Christentum zuzuwenden, den römischen Göttern abzuschwören und sein Machtzentrum nach Byzanz zu verlegen, dem er nun seinen Namen gab, war dieses schon lange vorher ein klares Statement gegen den drohenden Verfall Roms. In Rom herrschten zwar auch noch römische Kaiser, aber diese standen nun unter der Knute der byzantinischen Kaiser. Das römische Machtzentrum lag nun im Osten vor der Tür Anatoliens, was schon immer der wichtigste Teil des Reiches war. Europa wurde zur römischen Provinz, das irgendwann ganz aufgegeben und den Germanen überlassen wurde, die in Jahrhunderte lang andauernden Kleinkriegen sich gegenseitig zerfleischten. Das dunkle Zeitalter Europas sollte sich lange hinziehen. Das byzantinische Reich jedoch existierte noch bis zum Einfall der Türken in Anatolien im 11.Jahrhundert und Konstantinopel, die größte christliche Metropole der Welt, fiel dann erst fast 400 Jahre später, als die Osmanen nun die Macht in Anatolien ganz übernahmen.

Und was passierte in Rom?

Dort hatte sich der römische Bischof –  Rom war natürlich auch Sitz eines christlichen Patriarchen -mangels echter Kaiser quasi zum Erbe des römischen Kaisers angeboten. Nicht die letzten Kaiser in Rom verhandelten mit den wilden Germanen, die vor Rom standen, um es zu plündern, sondern der Patriarch nahm nun das Zepter in die Hand, um wenigstens die Stadt Rom zu retten. Die letzten römischen Kaiser waren schwach und versteckten sich in Ravenna während die neuen Machthaber der Geistlichkeit in Rom nun daran gingen, das neue Europa zu konsolidieren. Eine gewisse Konkurrenz zum mächtigen byzantinischen Reich, das einem jederzeit einen neuen Kaiser vor die Nase setzen konnte, und es auch tat (Theoderich),war natürlich gegeben.

Der Papst hatte klare Machtansprüche: die anderen Patriarchen sollten sich ihm unterordnen. Das war ziemlich überheblich, auch naiv und unrealistisch, taten sie auch nicht und so entwickelte sich nach und nach eine tiefe Kluft zwischen dem römisch-katholischen Papst und den byzantinisch-orthodoxen Patriarchen des Ostens. Der Papst bestimmte schließlich im völlig zerstrittenen Europa, wer König sein durfte und wer nicht, die oberste weltliche Macht lag in seinen Händen,  während die im byzantinischen Reich agierenden Bischöfe und Patriarchen sich ganz ihrer Bestimmung in ihren Klöstern hingaben: Dem Glauben und der Theologie, die Macht blieb hier beim byzantinischen Kaiser.

Und hier liegt der Schlüssel zu unserem mitteleuropäischen Verständnis von Anatolien und dem byzantinischen Reich:

Der Papst mochte weder die orthodoxen Christen, die sich ihm nicht unterordnen wollten, noch die Kaiser von Byzanz, die immer eine Bedrohung für ihn blieben.

Schließlich eskalierte die Feindschaft zwischen Papst und Orthodoxen, als Papst Leo IX in den Normannen, die große Teile Europas inzwischen beherrschten und glühende Katholiken waren eine ihm hörige und tatkräftige Armee zur Verfügung hatte. Nun redete er Tacheles mit den östlichen griechisch orthodoxen Patriarchen, was allerdings ein Problem war, da die griechische Sprache, die Lingua Franca des römischen Reiches schon lange nicht mehr in Europa und Rom gesprochen wurde, sondern eben nur noch Latein. Papst Leo beleidigte, verlangte die totale Unterwerfung unter das lateinische Kreuz und exkommunizierte schließlich, (Morgendländisches Schisma 1054), als alles nichts half. Nun war echte Funkstille zwischen Europa und dem byzantinischen Reich. Aber es sollte noch schlimmer kommen:

Als der Papst seine in Europa wütenden Ritter und Söldner versuchte zur Ordnung zu rufen, in dem er ihnen einfach ein neues Aufgabengebiet zuwies:

Jerusalem, das von ungläubigen Barbaren, den Muslimen, geschändet würde, so gab er an.

Konstantinopel und die Orthodoxen, die gute Kontakte zu den islamischen Herrschern unterhielten und sie sicherlich auch besser kannten als die wild gewordenen Katholiken, schließen sich der Kreuzzüge nicht an! Der Kaiser in Konstantinopel forderte sogar viel Geld für die Überfahrt über den Bosporus – was für ein Frevel für eine so heilige Mission!

Die Kreuzzüge kosteten Geld, viel Geld! Und als man für den 4.Kreuzzug eine Armada von Schiffen bauen ließ, weil der Landweg doch sehr schwierig war und eine Pilgerreise ins Heilige Land inzwischen zum absoluten Muss für alle Gläubigen wurde,  weswegen der Andrang groß war, auch von Leuten, die nicht gerne zu Fuß gingen, da beschloss man kurzerhand, wie das im Mittelalter so üblich war, sich die Kosten dafür durch Plünderungen zu verdienen. Neu war jetzt nur, dass Christen im großen Stil Christen plünderten. Denn für die Katholiken in Europa gehörten die orthodoxen Christen inzwischen zum Erzfeind, also warum sie nicht ausplündern. Und da Konstantinopel eine der reichsten Metropolen der Welt war, war das Ziel gesteckt. 1204 wurde Konstantinopel von Kreuzfahrern ausgeraubt. Die vertriebenen Byzantiner zogen sich nach Anatolien zurück in die Nachbarschaft der Muslime, denn der größte Teile Anatoliens war inzwischen sowieso türkisch! Davon erholte sich Konstantinopel nie wieder und so hatte Mehmed der Eroberer 250 Jahre später erst dadurch die Möglichkeit, das bisher uneinnehmbare Byzanz für die Türken zu erobern. Seit 1453 ist Konstantinopel türkisch-muslimisch. Allerdings blieben fast alle griechisch-orthodoxen Christen im ehemals byzantinischen Reich. Nur wenige Jahre nach der Eroberung Konstantinopels durch die Katholiken hatten die orthodoxen Christen in Anatolien Friedensverträge mit den Türken geschlossen, die ihnen im muslemischen Hoheitsgebiet weitreichende Rechte und Freiheiten einräumten. In dieser Zeit entstanden die schönsten kappadokischen Kirchen. Auch heute noch hat der griechisch-orthodoxe Patriarch seinen Sitz in Istanbul, von den Griechen Konstantinopel genannt. Keiner der Orthodoxen wäre darauf gekommen, vor den islamischen Türken zu den katholischen Glaubensbrüdern in den Westen zu flüchten.

Die Griechen blieben, bis Mustafa Kemal Atatürk sie 1923 hinausjagde, also noch fast 500 Jahre lebten sie Seite an Seite mit den zugezogenen Muslimen türkischer Abstammung.  Als Atatürk in seinem neuen türkischen Staat wegen vermeintlicher Angriffe und Ansprüche der Griechen diese außer Landes wies, gingen diese dann auch nicht sehr weit: gerade einmal über die türkische Grenze, wo sie neue Städte im benachbarten Thrakien gründeten, in der Hoffnung, eines Tages wieder in ihre Heimat zurück zu dürfen. Dass christlich Orthodoxe und Katholiken Tür an Tür miteinander leben könnten, wie Orthodoxe es ja mit den Muslimen taten – das bleibt bis heute undenkbar. Auch wenn der Papst heute wieder griechisch spricht, ist die Kluft zur Orthodoxie unüberwindlich, so scheint es, obwohl nur wenige theologische Feinheiten die beiden Glaubensrichtungen voneinander trennen.

Und eben genau hierin ist unsere Vorstellung von Anatolien begründet.

Dass nach dem großen Osmanischen Reich, das das Erbe des Byzantinischen Reiches vor 500 Jahren angetreten hatte, die neue Türkei in Armut und Bürgerkrieg verfiel, das verstärkte noch unser Bild von Anatolien: eben arm und einer rückständigen Religion anhängend!

– dieses Bild hatten die Mittel-Europäer auch schon vor den Osmanen vom christlichen Anatolien.

Die neuen Ideen und Errungenschaften des blühenden Ostens kamen dann auch nicht über Konstantinopel endlich nach Mitteleuropa, sondern über das islamische Spanien: hier entwickelten sich Schnittstellen zwischen den Kulturen, die Europa so befruchten sollten.

Bis heute hört unser Denken östlich des Balkans auf.

Dabei liegen genau dort die Wurzeln und Schätze unserer Kultur!

Susanne Oberheu

 

Vielen Dank an Herrn Professor Rolf Sauer, der mein Gast in Kappadokien war und mich zu diesem Vortrag anregte und nach Ulm einlud.

 

 

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Datum: Sonntag, 24. November 2013 13:02
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