Ist der Orient-Teppich out?

Ein original kappadokischer Teppich aus der Region Taschpinar

Ein original kappadokischer Gebetsteppich aus der Region Taschpinar, Schafswolle

Lange Zeit galt der Orient-Teppich als Statussymbol erst der Adligen und Superreichen, dann des soliden Bürgertums. Orientalische Teppiche waren Werte, die an die Nachkommen mit Stolz weitervererbt wurden.

 Wer unter seinem Ess- oder Wohnzimmertisch einen mindestens 7 m² großen echten Perser zeigen konnte, hatte es meistens geschafft in der Welt des Geldes. Denn Orient-Teppiche waren unerschwinglich teuer für die meisten Sterblichen.

Das hat sich nun geändert und das europäische Bürgertum, durchaus in der Lage, sich so ein Schmuckstück zu leisten, hat andere Vorstellungen von vorzeigbaren Werten. Außerdem gebeutelt von allerlei Allergien verzichtet die gut situierte Hausfrau heute lieber ganz auf textile Bodenbeläge. In der schwedischen Möbelwelt, die inzwischen Einzug in die meisten Haushalte genommen hat, spielt eine aufwendige Handarbeit keine Rolle mehr. Helle Einrichtungen verlangen allerdings hier und da nach bunten Flecken, ganz besonders fürs Kinderzimmer. Und so haben sich die persischen Manufakturen auf den europäischen Geschmack eingestellt und überfluten den Möbelmarkt mit sogenannten Gabbeh-Teppichen, bei Kennern als Pädagogen-Teppich verunglimpft: knallige Farben mit kleinen Tierchen oder Männchen sparsam verziert, denn der Europäer liebt den Überblick, weder bunt noch floral noch mit Bordüre darf es sein. So ganz anders als der Orient-Teppich seit Jahrhunderten traditionell hergestellt wird. 

 

Ein traditioneller Orient-Teppich ist nach wie vor der Inbegriff von handwerklicher Qualität, die seinesgleichen sucht. Jedes Stück ist ein Unikat, in das die Knüpferin mit unermüdlichen Fleiß und Einsatz etwas von sich eingewebt hat. Zuhause am heimischen Webstuhl verbrachte bisher eine junge Frau im Orient viel Zeit; sind doch Teppiche, Decken und Kissen auch ihre Aussteuer für die zukünftige Ehe gewesen. So hat sie in den Jahren des Webens und Knüpfens auch ihren ganz eigenen Stil und Geschmack in die Handarbeit gebracht; viele Symbole haben einen tieferen Sinn und drücken oft  ihre Wünsche und Träume aus. Ein in Heimarbeit gefertigter Orient-Teppich, auch Nomaden-Teppich genannt, ist ein einmaliges Kunsthandwerk.

 

An einem 3 m² großem Teppich knüpft eine Frau schon mal ein ganzes Jahr, die umfangreichen Vorarbeiten für die Wolle nicht mitgerechnet. Je nach sorgfältiger Arbeit, Qualität der Wolle und Können der Knüpferin sind dann solche traumhaften Arbeiten auch schon für 400,-€ zu haben. Dass die Künstlerin davon nur ein Bruchteil gesehen hat, versteht sich. Aber der europäische Geschmack verschmäht die wertvolle Handarbeit; zu bunt, zu kitschig aus deren Sicht.

 

Heute knüpfen und weben kaum noch junge Frauen in der Türkei oder dem Iran zuhause oder verdienen sich in Heimarbeit etwas Geld dazu. Der Markt wird von Manufakturen beliefert. Auch hier arbeiten vorwiegend Frauen, deren Fingerwertigkeit für Männer meist unerreichbar bleibt. Doch die Handarbeiten sind leblose Kopien von vorgegebenen Mustern, wie die des Gabbeh im Iran, die vom Käufermarkt bestimmt werden. Dass in diesen Manufakturen manchmal unhaltbare Arbeitsbedingungen herrschen ist bekannt, seitdem man von Kinderarbeit in indischen Werkstätten weiß.

 

So werden dann echte und zuhause gefertigte Nomaden-Teppiche, die zurzeit noch billig zu haben sind, irgendwann einmal unbezahlbar sein und  als wertvolle Einzelstücke gehandelt werden. 

 

Leider haben inzwischen auch die Türken keinen Sinn mehr für die von Mama noch in liebevoller Heimarbeit gefertigten Stücke. In Istanbul hat dann auch schon der erste Ikea-Markt geöffnet mit Teppichen ohne Kultur, industriell gefertigt oder in Manufakturen, die keiner kennt.

 

 

Kleine Teppichkunde

 

Wann die ersten Teppiche geknüpft wurden, weiß man nicht. Leider sind Teppiche nicht besonders haltbar, in geschichtlichen Dimensionen gesprochen. Feuchtigkeit zerstört sie und archäologische Funde sind selten. Ein Glücksfall ist dann auch der sogenannte Pazyryk-Teppich, der im Permafrost Sibiriens 2500 Jahre die Zeit überstehen konnte und damit der älteste Nachweis für die Knüpfkunst ist. teppich-pazyryk

Es ist wahrscheinlich, dass turkmenische Nomadenstämme in Zentralasien die ersten dicken Teppiche aus Schafs- und Ziegenwolle knüpften, um diese in kalten Wintern in ihren Zelten auf den Boden zu legen. Schnell zu verstauende Webstühle gehören seit ewigen Zeiten zu der Ausrüstung jeden Nomadenstammes, quasi die Raumausstattung der Zeltbewohner.

Da man viel Zeit mit dem Knüpfen verbrachte, müssen dann auch bald künstlerische und ästhetische Erwägungen in das Handwerk eingeflossen sein. So entwickelte jede Region und jeder Stamm im Laufe der Jahrhunderte ganz eigene Teppiche, mit eigenen Mustern und Farben. Von Generation zu Generation wurde dann an das Handwerk immer höhere Ansprüche gestellt und die Teppichknüpferei verfeinert: bessere Wolle, klarere Linien, hohe Knüpfdichte, Detailgenauigkeit.

Die im türkischen Konya gefundenen Teppiche aus dem 13.Jahrhundert n.Chr.beweisen einen  hohe Kunst der Teppichherstellung.

Seldschukkische Muster prägten Teppiche und Architektur des gesamten Orients

Seldschukkische Muster prägten Kunst und Architektur des gesamten Orients

Der zu dieser Zeit in Anatolien lebende turkmenische Stamm der Seldschukken beglückte schließlich den gesamten Orient mit seinen feinen Ornamenten und Arabesken und hatte künstlerischen Einfluss bis in das maurische Spanien.

Handbemalte Kacheln in Isfahan im Iran

Handbemalte Kacheln in Isfahan im Iran

Die in den nomadischen Teppichen eingewebten und geknüpften geometrischen Muster fanden schließlich Einzug in die Keramik- Kachel- und Fliesenherstellung sowie Architektur der berühmtesten und schönsten Gebäude von Samarkand nördlich von Afganistan, Isfahan im Iran bis Granada in Spanien. Imitiert wurden diese Muster schließlich auch in der europäischen Gotik. Kreuzritter hatten erste Teppiche zu den erstaunten Europäern gebracht, wo sie sofort den künstlerischen Stil prägten. Osmanische Sultane verschenkten die begehrten Stücke schließlich an europäische Königs- und Fürstenhäuser und erkauften sich somit diplomatisches Wohlwollen. Die Blütezeit der Teppichknüpfkunst war schließlich das 16.Jahrhundert. In der Türkei herrschte der prächtigste und erfolgreichste aller osmanischen Sultane, Sultan Süleyman. Er machte die Teppichknüpfkunst zur Chefsache und verschleppte die besten Künstler und Teppichmeister aus dem besiegten Täbris in Persien, wo diese eine ganz eigene Stilrichtung von hoher Qualität entwickelt hatte, nach Istanbul.

Neue Teppichknüpfzentren entstanden im westlichen Anatolien. Die Seidenraupe hatte man bereits 1000 Jahre zuvor lebend aus China schmuggeln können und in den Maulbeerbäumen der türkischen Stadt Bursa fühlten sie sich besonders wohl. Hier entstanden die schönsten Seiden- und Brokatstoffe. Der orientalische Teppich war nun das Wertvollste und Schönste, was europäische Adelshäuser als ihr eigen wünschten. Hatten sie einen erwerben können, so ließen sie sich gern mit ihm auf einem Gemälde darstellen, von berühmten Malern wie Hans Holbein, Lorenzo Lotto, Jan van Eyck und Jan Vermeer. In Europa nannte man diese Teppiche dann auch Holbein- oder Lotto-Teppiche. Tatsächlich aber waren es Uschak-Teppiche aus der heute noch bekannten Uschak-Region in der West-Türkei.

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Der bisher erreichte Gipfel der Teppichknüpfkunst wurde im 19,Jahrhundert schließlich in der vom Sultan ins Leben gerufenen Manufaktur Hereke in Izmit nahe Istanbul erreicht: persische florale Muster kombiniert mit türkmenischen geometrischen Ranken und Symbolen werden in Seide geknüpft mit einer unvorstellbaren Knüpfdichte von 200 Knoten pro Quadratzentimeter und sogar mehr. Diese Stücke sind allerdings heute in Sammlerhänden und erzielen astronomische Preise.

Aber in türkischen Teppichläden sind heute noch Hereke-Seiden-Teppiche zu finden, nicht alt und mit einer Knüpfdichte von „nur“ 100 Knoten pro Quadratzentimeter, aber der feine Glanz dieser Prachtstücke ist immer noch atemberaubend. Aber Achtung: Fälschungen kommen inzwischen aus China, vielleicht als späte Rache für den Seidenraupenklau.

Auch wenn es nicht in Ihre Wohnung passt: lassen Sie sich mit einer Lupe die Knüpfdichte eines Hereke-Seiden-Teppichs ruhig einmal zeigen. Sie scheinen nicht von Menschenhänden gemacht zu sein- sind sie aber!   

Seidenteppich aus Kayseri in Kappadokien

Seidenteppich aus Kayseri in Kappadokien

Türkische Orient-Teppiche kommen heute noch aus den Regionen
- Izmit, Canakkale, Bergama, Uschak, Mugla im Westen Anatoliens
- aus Antalya und Konya in der Mitte Anatoliens
- aus Kirschehir, Aksaray, Nigde,Yahyale und Kayseri in der Region Kappadokien in Zentralanatolien
- und Adiyeman, Diyarbakir und Kars im Osten.
Im Gegenesatz zu Webteppichen, den Kelims, werden geknüpfte Teppiche meist aus Schafswolle hergestellt und nur manchmal mit der minderwertiger Baumwolle vermischt. Entscheident für die Qualität der Wolle ist das Alter des Schafes und die Zeit der Schur. Winterwolle von 1-2-jährigen Schafen soll die beste sein. Behutsam wird diese dann in Handarbeit gewaschen, gesponnen und schließlich mit den örtlichen zur Verfügung stehenden Pflanzenfarben eingefärbt, die dem Teppich einen einzigartigen Farbton verleihen, der von Region zu Region unterschiedlich ist.
Susanne Oberheu
www.kappadokya-travel.com

Original kappadokischer Teppich aus der Region Yahyali mit traditionellem Muster

Original kappadokischer Teppich aus der Region Yahyali mit traditionellem Muster

Autor:
Datum: Sonntag, 19. Juni 2011 14:32
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