Avanos – ein Geheimtipp ?

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In Avanos ist das Leben noch ganz türkisch

 

Bei Wikipedia ist zu lesen wie auch in manchen Reiseführern, dass die kappadokische Töpferstadt Avanos vom Tourismus leben würde, also besonders touristisch wäre. Betritt man allerdings die schöne Altstadt und das Zentrum rings um den großen Hauptplatz, so bemerkt man sofort, dass hier zwar ziemlich viel los ist, aber von Touristen keine Spur! – Nur Türken, die flanieren oder ihren Geschäften nachgehen. Wie kommt das ?

Es liegt daran, dass in Reiseführern eben immerwieder abgeschrieben wird und die Autoren und Journalisten sich oft keine Mühe machen, das Beschriebene selbst in Augenschein zu nehmen. Stattdessen müssen Statistiken über die Anzahl von Hotelbetten ausreichen, um Aussagen über den Ort treffen zu können.

Tatsächlich gibt es in Avanos einige sehr große Hotels mit hunderten von Betten, sogar ein Hilton und ein Sheraton ist in Planung, außerdem die dazugehörigen Verkaufshallen, Animationsbetriebe etc. – das alles ist schon sehr touristisch zu nennen! Allerdings liegen diese aus dem Boden gestampften Touristenanlagen weit außerhalb am Stadtrand: etwa 1-2 km vom Zentrum und der schönen Altstadt am Fluss entfernt, da wo die Einheimischen ihre Läden haben.

Das was den meistenKappadokien-Besuchern von Avanos in Erinnerung bleibt ist das Töpferdenkmal

Was den meisten Kappadokien-Besuchern von Avanos in Erinnerung bleibt ist das Töpferdenkmal

Das „Schöne“ oder Tragische am Massentourismus aber  ist, dass man diese so genannten Bustouristen als normaler Einheimischer nie zu Gesicht bekommt. Das heißt, Tausende von Touristen werden täglich rein in den Bus, raus aus dem Bus und in kürzesten Abständen in die entsprechenden Sehenswürdigkeiten und Verkaufsausstellungen geführt. Die Altstadt von Avanos gehört nicht dazu!  Hier halten im Vergleich zu anderen kappadokischen Ortschaften kaum Reisebusse und wenn, dann nur für 2 Minuten am Töpferdenkmal: ein Foto und schon geht’s weiter.

Die kleien Verkaufsläden in der Altstadt von Avanos leben inzwischen hauptsächlich vom Verkauf an türkische Touristen

Die kleinen Verkaufsläden in der Altstadt von Avanos leben inzwischen hauptsächlich vom Verkauf an türkische Touristen. Dass die ersten Touristen, die Kappadokien besuchten, Fransosen waren, ist überall noch zu erkennen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Avanos ist berühmt wegen seines Töpferhandwerks und da schaffen sich die Reiseunternehmen, die fast alle nicht aus Avanos kommen, eigene Verkaufshöhlen weit entfernt von den anderen Avanos-Töpfern in der Altstadt, da bleibt das Geld in der Familie sozusagen.

Und genau das ärgert die Avanos-Töpfer, denn fast kein einziger dieser Töpfer kann vom Tourismus leben wie immer behauptet.  Auch arbeiten die wenigsten aus Avanos in den großen Hotels oder den extra für den Massentourismus hochgezogenen Restaurants. Auch da bringen die ortsfernen Reiseunternehmen ihre eigenen Leute mit.

Selbst der berühmteste Töpfer von Avanos hat erkannt, dass er mit seiner alten kleinen aber ehemals sehr berühmten Töpferhöhle in der Altstadt keinen Staat mehr machen kann und sich ganz strategisch wenige Meter vom Hilton entfernt eine 3000 m2 große Verkaufshöhle buddeln lassen mit großem Busparkplatz direkt vor der Tür. Dass er für jeden Bus, der vor seinem Laden halten soll, 500,-€ an das Reisunternehmen zahlen muss, scheint sich dann für ihn zu rechnen.

 

Die Menschen in Avanos leben also noch ziemlich bescheiden von dem, was der Individualtourismus ihnen vor die Tür spült und das ist sehr wenig.

 

Zum Vergleich: Avanos hat etwa 12.000 Einwohner. In der Altstadt von Avanos haben sich aber gerade mal 7 Pensionen und kleinere Hotels etablieren können.

Der Hauptort Göreme hat etwa 2500 Einwohner und verfügt über beachtliche 150 Pensionen und  Hotels in seinem Ortskern, Tendenz steigend.

 

Die Avanos-Bewohner leben also wie viele andere Türken auch vom Handel und Handwerk, wenige vom Tourismus. Töpfer haben es inzwischen verstanden, Produktionsaufträge aus dem Ausland an Land zu ziehen.

Toepfer Hakan und sein Bruder Gökan liefern Schmuck- und Gartenkeramiken bis nach Amerika. In seinem kleinen Laden in der Altstadt freut sich Hakan über jeden Besucher!

Töpfer Hakan und sein Bruder Gökan liefern Schmuck- und Gartenkeramiken bis nach Amerika. In seinem kleinen Laden in der Altstadt freut sich Hakan über jeden Besucher!

Oder sie sind Künstler und zeigen ihre Exponate in Ankara, Istanbul oder sogar Europa. In Avanos fehlt der Publikumsverkehr. Dort müht man sich vergeblich ab, potente Käufer in die Ausstellungen zu holen. 

Das Atelier Ikizler verfügt in seinen kleinen Ausstellungsräumen in der Altstadt von Avanos über besonders hervorragende Stücke. Hier ist der Eigentümer und Künstler des Ateliers mit einer hethitischen Schnabelkanne zu sehen.

Das Kunst- und Keramik-Atelier Ikizler verfügt in seinen kleinen Ausstellungsräumen in der Altstadt von Avanos über besonders hervorragende Stücke. Hier ist der Künstler Mehmet Ikizler in seinem Atelier mit einer hethitischen Schnabelkanne zu sehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seit ein paar Jahren jedoch haben türkische Touristen Avanos für sich entdeckt. Sie bleiben allerdings immer nur übers Wochenende oder zu den Feiertagen, kaufen ihre Bodenvasen für die schicke Istanbuler Wohnung in einem kleinen traditionellen Töpferbetrieb und flanieren unbehelligt vom ausländischen Tourismus in den schönen Parkanlagen am Fluss entlang. Viele Cafes, traditionelle Lokantas und Bars mit Lifemusik haben sich ganz auf den türkischen Geschmack aus den Großstädten eingestellt. Seit Neuestem gibt es sogar direkt am Fluss ein sehr feines Fischrestaurant und von der Sonnenterrasse geht der Blick über den Fluss zur berühmten Hängebrücke, der schönen Moschee und den kappadokischen Höhlenhäusern von Avanos.  Und für die türkischen Ausflügler hat sich der Restaurantbesitzer etwas ganz Besonderes einfallen lassen, einmalig in der Türkei: ab sofort kann man den Fluss mit einer echten Gondel befahren!

Der Rote Fluss, Kizilirmak, der Avanos durchzieht, ist mit seiner ca.1500 km Länger der größte Fluss der Türkei

Der Rote Fluss, Kizilirmak, der Avanos durchzieht, ist mit seiner ca.1500 km Länge der größte Fluss der Türkei

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So ist Avanos ganz türkisch geblieben und für Ausländer zum Geheimtipp geworden. Wenn außerhalb in den riesigen Höhlenanlagen für 300 ausländische Touristen der Folkloreabend abläuft, kann der Kenner gemütlich in den kleinen und feinen Restaurants und Bars im Zentrum von Avanos dem Können junger türkischer Musiker lauschen und echten türkischen Lifestyle erleben. 

Und selbst der Geschäftsmann in Avanos ist inzwischen ganz froh, dass er den Knebeln der Reiseunternehmen, dem Lärm und Gestank der laufenden Busse und dem Stress des Massentourismus nicht ausgeliefert ist.

Susanne Oberheu, Bewohner von Avanos

www.kappadokya-travel.com

Die berühmte alte Fussgänger-Hängebrücke, genannt Asma-Köprüsü, führt direkt in die Altstadt von Avanos

Die berühmte alte Fussgänger-Hängebrücke, genannt Asma-Köprüsü, führt direkt in die Altstadt von Avanos

 

 

 

 

 

 

 

Diesen Blick bekommen die wenigsten Touristen zu sehen. Avanos ist ganz auf seine türkischen Gäste eingestellt. (Foto Christian Gansberg, Teilnehmer von Kappadokya Travel in Avanos 2012)

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Datum: Mittwoch, 9. November 2011 14:27
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