Christentum in Kappadokien

Von der Natur geschaffene Häuser bergen seit über 1000 Jahren christliche Kappellen und Kirchen mit wertvollen byzantinischen Fresken. In dieser märchenhaften Landschaft fühlten sich die ersten Christen Gott besonders nahe!
Die Bedeutung Kappadokiens im Christentum
aus der Englischausgabe des Reiseführers 2010
Kappadokien war von Anfang an eines der Zentren des sich ausbreitenden Christentums. Neben dem palästinensischen Caesarea war das kappadokische Caesarea (das heutige Kayseri) der Ausgangspunkt einer sich über die ersten Jahrhunderte nach Christus entwickelnden Orthodoxie, des so genannten „Rechten Glaubens“. Streitigkeiten darüber, was der rechte Glaube sein sollte, hatte es auch von Anfang an hier gegeben. Kappadokien war regelrecht zerteilt unter den Anhängern verschiedener Glaubensrichtungen.
Noch in den ersten Jahrhunderten nach Christus wurden Christen im Römischen Reich, zu dem auch Kappadokien gehörte, mit unvorstellbarer Grausamkeit verfolgt und gemartert. Das Regime war unerbittlich, jüdische Aufstände wurden brutal niedergemacht, Menschen verschleppt und ermordet. In dieser Zeit setzt sich eine unerhörte Botschaft von Jerusalem Richtung Kleinasien und Kappadokien durch: der einzige Gott (der Monotheismus wurde bisher ausschließlich von den Juden praktiziert) ist nicht nur für die auserwählte Gemeinde der Juden dar, sondern für jeden und alle Menschen sind vor Gott gleich. Dazu ist dieser Gott nicht, wie bei den Juden und im Alten Testament, strafend und züchtigend, sondern verzeihend und barmherzig. Eine unglaubliche Idee in diesen grausamen Zeiten und eine Idee, die über die Grenzen des jüdischen Palästinas hinaus Gültigkeit haben konnte. Paulus war der erfolgreichste Missionar dieser neuen Idee, die zunächst in der heutigen Türkei, in Kleinasien, Fuß fasste, so auch in Kappadokien. Sein leidenschaftlicher Appell richtete sich erst einmal an alle jüdischen Gemeinden: „der Mensch wäre ohne sein Zutun erlöst von der Sünde; es bräuchte weder Gebote, Tempel noch Rituale, um die Barmherzigkeit Gottes zu erlangen und dieses gelte für alle Menschen, nicht nur für das auserwählte Volk der Juden“. Er hielt sogar die Beschneidung für entbehrlich. Das war unerhört und revolutionär und beflügelte die Fantasie vieler Menschen, die in dieser furchtbaren Zeit unter der Knute der Römer zu leiden hatten. Die ersten Ideen, was damit wohl gemeint sein könnte, gipfelten in skurrilen Selbstkasteiungen. In Syrien setzte sich ein Simeon 30 Jahre auf eine Säule und verkündete seine Ansicht vom gottgefälligen Leben. Einer seiner Jünger dagegen bezog in Kappadokien als Eremit eine ziemlich komfortable Höhlenwohnung, sogar mit in den Fels geschlagenen Möbeln: der Simeonsturm in Paşabağı.

- Inzwischen wurden die versteckten Mönchsklausen von Wind und Wetter freigelegt. Ein Wohnfelsen, der vor Jahrhunderten noch Schutz und Ruhe bot.
Kappadokien, nur einige hundert Kilometer von Syrien und Palästina entfernt, war von Anfang an das ideale Rückzugsgebiet für religiöse Kontemplation. Auch hier dachten die ersten Christen in ihren aus dem Fels gehauenen Klausen über Veränderungen des traditionellen Gottesbegriffs und ihres Lebens nach. Noch taten sie es allein als Eremiten, scheuten die Menschen, die in diesen Zeiten soviel Leid brachten, suchten die Einsamkeit und die Nähe Gottes in freier Natur, befreit von allen Regeln und Obrigkeiten. Kappadokien bot dafür die ideale Voraussetzungen: Häuser brauchten nicht gebaut werden, frisches Quellwasser und fruchtbare Täler gab es im Überfluss, die Höhlen schützten vor Kälte und Hitze und das Labyrinth der kappadokischen Erosionslandschaft versprach Schutz vor imperialem Säbelrasseln. Die Regierenden ließen einen in Ruhe, vorerst jedenfalls.
Aber die christlichen Gemeinden wuchsen. Eremiten saßen in ihren Höhlen inzwischen dicht gedrängt in den Tälern. Man schloss sich zu Gruppen zusammen. Die Entwicklung einer reinen Lehre, nach der alle leben sollten, nachdem man sämtlichen bekannten Regeln abgeschworen hatte, nahm langsam Formen an. Aber wer war dieser Jesus? Ein neuer Prophet oder Gott selbst? Christen nannten sich diejenigen, die an seine Auferstehung glaubten, was für gläubige Juden absolut inakzeptabel war. Einen Auferstehungsglauben gab es bis dahin nur in der ägyptischen Mythologie und die war den Juden aus ihrer eigenen Geschichte heraus verhasst. Fragen des Christentums wurden kontrovers und leidenschaftlich diskutiert. Hierbei entwickelten sich unterschiedliche Denkweisen zwischen dem Orient und Europa: Während der Monotheismus im nahen Osten seit über 1000 Jahren fest verwurzelt war, basierte die westliche Kultur auf römisch-hellenistischem Gedankengut. Das Individuum galt im Westen mehr, in der griechischen Demokratie war der einzelne verantwortlich für sein Tun, Menschen konnten zu Göttern werden und umgedreht; die Welt der Götter war die der Menschen sehr ähnlich: sie konnten korrupt, böse, hinterhältig aber auch verliebt sein, sie waren Versager oder Helden und hatten bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Der mächtige Gott der Juden dagegen, dessen Name man nicht aussprechen durfte und dessen Antlitz man nicht sehen durfte, war menschlich nicht zu fassen. Seine Geschöpfe waren dem Unsichtbaren auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, nur mit absoluter Unterwerfung unter die Gesetzte dieses Gottes konnte man auf Gnade für sein Leben hoffen.
Somit erübrigte sich für die meisten Menschen im Osten die Frage, ob Jesus Gott war. Der Arianismus, der Jesus eher als Gesandten Gottes, aber auf keinen Fall als Gott selbst sah, hatte im Orient und auch in Kappadokien viele Anhänger.
Um das so genannte Wesen Jesu stritten sich dann auch die ersten christlichen Konzile, bei denen kappadokische Bischöfe maßgeblichen Einfluss hatten.

- Zum Ruhme der neuen Religion begann Kaiser Konstantin 325 n.Chr. den Bau der Hagia Sophia in Konstantinopel in Auftrag zu geben. Über 1000 Jahre blieb die Hagia Sophia die größte christliche Kirche der Welt. Hier die prachtvolle goldene Kuppel!
Für Kaiser Konstantin hatte der Monotheismus, abgesehen von den religiösen Details, eine ganz eigene politisch hoch brisante Anziehungskraft: der Vielgötterei der Römer und Griechen setzte er einen einzigen Gott entgegen, wie es nur einen einzigen Kaiser geben konnte. Ein intelligenter Schachzug, in einer Zeit, als Kaiser im römischen Reich kamen und gingen und in Rom man versuchte Gegenkaiser zu etablieren. Somit wurde eine religiöse Idee, die besonders den unterdrückten Menschen Hoffnung geben wollte, zum neuen Instrument eines absolutistischen Machtanspruches. Nach der Konstantinischen Wende, wodurch das Christentum nun Unterstützung statt Verfolgung fand, kam es dann auch zu den ersten Konzilen der Geistlichkeit. Diese sollten dem neuen Glauben endlich eine feste Ordnung und klare Vorgaben geben; eine allgemeingültig bindende Lehre für jedermann, die allerdings auch die ausgrenzte, die nicht dieser Meinung waren. So bekam die erhoffte Erlösung und Vergebung der Sünden, Kernsatz des neuen Glaubens, 300 Jahre nach Jesus bereits wieder ihre ersten Einschränkungen. Obwohl bis dahin das Christentum als eine orientalische Religion, verwurzelt im Judentum, anzusehen war, und auch alle Konzile im orientalischen Kleinasien stattfanden, setzte sich doch nach und nach die westlich-europäische Denkart durch.
Der Hunnensturm hatte in Europa inzwischen gewütet und eine Völkerwanderung ausgelöst, die schließlich in der Zerstörung Roms durch die Vandalen gipfelte. Das byzantinische Kleinasien war davon weitestgehend verschont geblieben und erlebte eine Blütezeit, die Hagia Sophia wurde als größte Kirche der Christenheit gebaut. Nach der Ermordung des letzten römischen Kaisers existierte Rom als Machtzentrale faktisch nicht mehr. Die Goten beherrschten Europa von Ravenna aus. Konstantinopel war das neue Rom und seine Bürger nannten sich weiterhin Römer des Römischen Reiches.
Verblieben war Rom nur der Bischofssitz, aber dieser nahm erheblichen Einfluss auf die Konzile. Der Bischof von Rom verlangte sogar als Nachfahre Petri, der in Rom hingerichtet wurde, die Primatstellung unter allen christlichen Bischöfen, was aber abgewiesen wurde.
Jedoch fand in allen Konzilen die von den zukünftigen Katholiken aus Rom geforderte Trinitätslehre breite Unterstützung, auch beim Metropoliten von Caesarea in Kappadokien, Bischof Basilius, sowie dessen Bruder, Bischoff Gregor von Nyssa, und vom Metropoliten von Konstantinopel selbst, Bischoff Gregor von Nazianz, ebenfalls ein Kappadokier. Man konnte sagen, dass diese 3 kappadokischen Kirchenväter maßgeblich an der neuen Entwicklung beteiligt waren.

Jesus der Gekreuzigte, Gott und Mensch zugleich. Hier in einer der schönsten Höhlenkirchen Kappadokiens, der Tokali Kirche.
Diese Trinitätslehre war eine klare Absage an den Arianismus: Gott, Christus und der Heilige Geist seien wesensgleich in Jesus vereint. In dieser Zeit entstand das christliche Glaubensbekenntnis, das bis heute in orthodoxen, katholischen und protestantischen Kirchen gesprochen wird: “Jesus Christus, Sohn Gottes, der geboren ist vom Heiligen Geist aus der Jungfrau Maria…..Mensch geworden ist….und aufgestiegen ist zum Himmel…“
Diese so genannte Wesensgleichheit Jesu war das erste Dogma der neuen christlichen Kirche, 10 Jahre später, knapp 400 Jahre nach Christi Geburt, wurde das Christentum dieser so genannten orthodoxen Prägung zur Staatsreligion. Andersdenkende wurden verfolgt und dieses Mal versteckten sich Christen vor Christen im unwegsamen Gelände der kappadokischen Höhlenwelt. Im Konzil von Chalkedon 451 n.Chr. wurde weiterhin festgelegt, dass Christus, der Auferstandene, zugleich göttlich und menschlich sei (2-Naturen-Lehre). Was erneut eine klare Absage an den einen unaussprechlichen, unnahbaren und menschlich nicht erfassbaren Gott des Orients war, und eine Absage an die so genannten Monophysiten, die Jesus für rein göttlich hielten. Die monophysitische Sichtweise konnte sich nur in Syrien und Ägypten (Kopten) bis heute halten.
Dieses war nun die allumfassende Lehre, genannt Katholizismus. Der römische Bischof nannte sich katholischer Papst in dem von heidnischen Germanen beherrschten Europa. Der Papst erlangte schließlich auch die politische Macht, als er 800 n.Chr. Karl den Großen zum Kaiser krönte und damit über dem Kaiser stand sowie dem Kaiser in Konstantinopel die Gefolgschaft verweigerte. Die byzantinischen Bischöfe nannten sich orthodox und unterstanden nach wie vor den Weisungen des byzantinischen Kaisers. Die orthodoxen Bischöfe sprachen griechisch, die katholischen lateinisch. Missverständnisse und Uneinigkeiten prägten das Verhältnis. Diese gipfelten schließlich in der Exkommunizierung des griechisch-orthodoxen Metropoliten von Konstantinopel durch den römischen Papst 1054 (Morgenländisches Schisma). Die Plünderung und Zerstörung Konstantinopels durch die katholischen Kreuzfahrer 150 Jahr später ist der unrühmliche Höhepunkt dieser Kirchenspaltung; mit katastrophalen Folgen für die Christenheit: erst diese Zerstörungen, von denen sich Konstantinopel nie wieder erholen sollte, boten die Voraussetzungen zur Eroberung der Stadt durch die türkischen Osmanen 1453. Und dieses besiegelte das Ende des 1000-jährigen christlichen Byzantinischen Reiches.
Religiös untermauert wurde die immer stärker werdende Macht der römisch-katholischen Kirche auch durch den Kirchenvater Augustinus aus Nordafrika. Seine Lehre von der Erbsünde, die jeder Mensch von Geburt an als Böses in sich trägt und die daraus resultierende Unterwerfung unter die katholischen Kirche als einziger Weg zur Erlösung wurde im Konzil von Ephesus 431 n.Chr. zur allgemeingültigen Lehre.
So wurde Jesu Befreiungsbewegung von neuen Machthabern instrumentalisiert. Andersglaubende waren wieder Verfolgungen und Folterungen ausgesetzt, fast wie zu römischen Zeiten. Die Höhlen in Kappadokien wurden nicht kalt.
Die größte Verfolgung erlitten die verängstigten Christen Kappadokiens allerdings durch eine neue, völlig unerwartete Anweisung des byzantinischen Kaisers. Die Mönche und Nonnen, die sich in Klostergemeinschaften in Kappadokien inzwischen zusammengetan hatten, kratzten immer mehr Kirchen und ganze Klosteranlagen aus dem weichen Tuffgestein.
Sie verehrten ihre Heiligen und Märtyrer und schmückten ihre Kirchen mit so genannten Ikonen: Heiligenbilder, die die Heiligen, die Märtyrer und Begebenheiten aus dem Leben Jesu zeigten. Sie sollten dem Betrachter zum Blick ins Jenseits verhelfen, um Gott näher zu sein. Kaiser Leon III jedoch verkündete nun ein Ikonenverbot: der sogenannte Ikonoklasmus wütete im ganzen Byzantinischen Reich als ein letztes Aufbäumen der orientalischen Sichtweise eines Gottes, der in seiner Größe unaussprechlich und nicht abbildbar ist („Du sollst dir kein Bildnis machen“). Kaiser Leon III war Syrer und stand unter dem Einfluss einer neuen großen religiösen Macht, die den Orient seit dem 7.Jahrhundert eroberte: der Islam breitete sich in nie dagewesener Schnelligkeit aus und beschnitt das Byzantinische Reich. Arabien, Ägypten und Nordafrika fielen sofort an die islamischen Eroberer. Viele orientalische Christen traten freiwillig zum Islam über, der ihrer Vorstellung von einem allmächtigen Gott und dessen Propheten näher kam als die komplizierte Trinität und Wesensgleichheit der christlichen Orthodoxie. Auch Leon war Orientale und sein Bilderverbot griff mit der Macht eines orientalischen Despoten zu: unerbittliche Verfolgungen, Verhaftungen, Hinrichtungen und Folterungen überzogen den byzantinischen Rumpfstaat Kleinasien, die heutige Türkei. Kappadokien erlebte seine schlimmste Zeit. Dieser Eingriff in das beschauliche Leben von Kappadokien war schlimmer als die regelmäßigen Raubüberfälle der islamischen Araber. Nur wenige Ikonen haben diese Zeit überlebt. Anstelle der farbenprächtigen Heiligenbilder und Fresken hielten nun einfache mit Eisenoxyd gemalte Ornamente an den Wänden der kappadokischen Kirchen und im ganzen Byzantinischen Reich Einzug. Nicht immer gezwungener Maßen, wie einige Kirchen aus dem 11. Jahrhundert im Göreme Freilichtmuseum erahnen lassen. Der Zeitraum des als unglaublich brutal geschilderten Ikonoklasmus dauerte über 100 Jahre und endete 843. Der große Drang nach bildlicher Darstellung hatte gesiegt.

Die Barbarakirche in Göreme zeigt noch die einfache ornamentale Malerei, kein Fresko, die Farbe wurde direkt auf den Fels aufgetragen.
Eine der schönsten Kirchenfresken, die fast 1000 Jahre unbeschadet überstanden haben, sind in der Kiranlik Kirche im Göreme Freilichtmuseum zu bewundern. Man sollte versuchen, diese kleinen aus dem Stein gehauenen Kirchen allein und still zu betreten, um sich der Wirkung der Heiligenbilder aussetzen zu können. Die Wände der Kirche sind über und über in den schönsten Farben in Freskotechnik bemalt. Man betritt das Kirchenschiff und blickt unwillkürlich geradeaus Richtung Apsis, in dessen Wölbung Jesus als Heilsbringer und Weltenherrscher vom Himmel herunterschaut. Auch das Kirchenschiff ist überkuppelt und aus der Kuppel sieht Jesus wie aus dem Jenseits auf den Betrachter herunter. Die Arkaden, Bögen und Wände zeigen Szenen aus dem Leben Jesu. Dazu gesellen sich Heilige und Bischöfe und fast immer die Erzengel Gabriel und Michael, die Jesus links und rechts flankieren. In den kappadokischen Kirchen tauchen zu den üblichen Jesusdarstellungen der christlichen Orthodoxie die Lokalheiligen auf: Georg der Drachentöter soll Kappadokier gewesen sein. Außerdem wird Kaiser Konstantin und seine Mutter Helena, sowie Bischof Basilius von Caesarea in fast allen bildlichen Darstellungen verehrt. Byzantinische Fresken wie christliche Ikonen sind keine Kunstwerke sondern heilige Bilder, die eine Brücke zwischen dem Diesseits und dem Jenseits schlagen sollen. Oft wird ihnen eine Wunderwirkung zugeschrieben. Die Malweise und Anordnung der Bilder ist streng geregelt, künstlerische Freiheiten waren nicht erwünscht. Byzantinische Fresken, Mosaiken und Ikonen haben sich über fast 1000 Jahre kaum verändert: die Figuren sehen ernst und statisch dem Betrachter entgegen. Kaum eine Bewegung verrät Lebendigkeit, die Figuren scheinen zu schweben. Heilige, Engel und Honorationen sind meist zweidimensional flächig dargestellt ohne perspektivische Illusion, sie scheinen aus der Wand in den Kirchenraum hinein zu treten. So sollte keine weltliche Realität kopiert oder vorgetäuscht werden. Die Darstellungen wollten auch nicht informieren, sondern als transzendentale Realität des Jenseits spirituell erfahren werden. Deswegen sind diese Fresken auch kein Wandschmuck sondern Teil eines Raumes, der die Gläubigen in einen gottnahen Zustand versetzen sollte.
Die christliche Basilika mit Apsiden, Kuppeln, Gewölben, Längs- und Querschiffen, Narthex und Atrium blieb fast 1000 Jahre unverändert grundlegende sakrale Architektur im Orient. Die ersten Kirchen hatten oft einen Brunnen im Atrium, an dem sich die Christen vor dem Gottesdienst reinigen sollten, was heute nur noch bei Muslimen üblich ist. Tatsächlich entstand aus der christlichen Basilika schließlich die Moschee als islamisches Gotteshaus.
Die Vorstellung von Kuppel und Gewölbe als Himmelsdarstellung, also möglichst losgelöst vom Irdischen, erreichte ihre reale Umsetzung und Vervollkommnung im Bau der Hagia Sophia in Konstantinopel 537 n.Chr. Eine mit 40 Fenstern perforierte Kuppel von gigantischem Ausmaß von über 30 Metern Durchmesser schien über dem Kirchenschiff zu schweben und idealisierte mit seinen goldenen Mosaiken das strahlende Himmelsgewölbe. Die Hagia Sophia blieb über Jahrhunderte unerreichtes Vorbild für alle Sakralbauten. Dass die Osmanen sie schließlich mit wenigen Accessoires in eine Moschee umwandeln konnten, entspricht der gemeinsamen Vorstellung von einem Gotteshaus.
Die kappadokischen Kirchen, in den Berg gehauen mit Säulen und Arkaden, die eine Kuppel tragen sollten, was statisch im Fels vollkommen überflüssig ist, blieben den allgemeingültigen Vorgaben von Gotteshäusern immer treu. Der zentrale Kuppelbau als byzantinische Besonderheit ist auch in Kappadokien stark vertreten. Die kappadokischen Fresken, heute vielfach der Witterung und Zerstörung ausgesetzt, entsprechen oft höchstem byzantinischem Standard. Neben Einheimischen müssen auch Freskenmaler aus Konstantinopel hier am Werk gewesen sein.
Bald war Kappadokien jedoch vom christlich byzantinischen Reich abgeschnitten: die turkmenischen Seldschuken hatten die Byzantiner bei Manzikert 1071 besiegt und dehnten ihren Herrschaftsbereich bis weit über Kappadokien hinaus aus. Ihre Hauptstadt gründeten Sie im 250 km entfernten Konja. Die Christen in Kappadokien waren nun vom Mutterland abgeschnitten, blieben aber von den islamischen Seldschuken unbehelligt. Die Seldschuken bauten Straßen, Karawanserein und Schulen und am steigenden Wohlstand hatten auch die Christen ihren Anteil. Noch in den folgenden Jahrhunderten entstanden die schönsten Fresken und wurden Klostergemeinschaften ausgebaut. Kreuzfahrer sollen auf ihrem Weg nach Jerusalem im seldschukischen Kappadokien vorbeigekommen sein, und waren wohl geblieben: einige Höhlenkirchen entsprechen mehr dem katholischen Kirchenschiff als dem byzantinischen Kuppelbau.
Auch gab es Verbindungen der kappadokischen Christen zu den Mönchsgemeinschaften auf dem Berg Athos in Griechenland.

Stille und Erhabenheit erfasst den Besucher in einer dieser kappadokischen Kirchen, wie hier in der "Dunklen Kirche" aus dem 11.Jahrhundert
Von hieraus entwickelt sich seit dem 12.Jahrhundert eine Spiritualität, die auch auf die Mönche in den Höhlen Kappadokiens große Anziehungskraft hatte: Ruhe, Stille, Einsamkeit, Gelassenheit und Friede sollte in verschiedenen Buß-, Gebets- und Meditationsübungen erlangt werden, genannt Hesychasmus. Durch das häufige Wiederholen von Formeln wie das Jesusgebet mit auf den eigenen Nabel (Nabelschau) gerichteten Blick sollte dieser transzendente Frieden erreicht werden. Zur gleichen Zeit praktizierten im nahen Konja islamische Mönche ganz ähnliche Meditationsübungen: durch das gleichmäßige Kreisen wollten die so genannten Derwische die gleichen spirituellen Erfahrungen erzielen.
Kappadokien wurde zum Rückzugsgebiet christlicher und islamischer Mystiker, die viele Gemeinsamkeiten hatten. Das unendliche Rezitieren von Suren aus dem Koran entspricht dem Jesusgebet. Gebetsketten wie der katholische Rosenkranz, der orthodoxe „Komboskini“ oder das islamische „Tasbih“ helfen dabei. Durch Askese, Gebet und Meditation sollte Spiritualität erlebt werden. Und wo anders als in der traumhaften Landschaft Kappadokiens wäre dieses möglich gewesen? So fanden Christen und Muslime unterschiedlicher Glaubensrichtungen in der bizarren Tufflandschaft Kappadokiens ihr gemeinsames Zuhause. Aber das Paradies wurde noch einmal massiv bedroht: die Mongolen plünderten Kayseri und fielen auch über Kappadokien her. Die Menschen flüchteten ein letztes Mal in die unterirdischen Städte, die ihnen schon so oft Schutz bieten mussten. Die Mongolen leiteten schließlich den Niedergang des Seldschukischen Reiches ein. An ihrer Stelle traten nun die turkmenischen Osmanen auf den Plan.
In den folgenden 500 Jahren des Osmanischen Reiches schliefen die christlich-orthodoxen Mönchsgemeinden langsam ein, wohl auch mangels neuer Anreize aus der christlichen Welt. Das christliche Konstantinopel war islamisches Istanbul geworden und die römisch-katholische Kirche in Rom interessierte sich wenig für die versprengten orthodoxen Christen in Kleinasien. Die letzten Christen mussten 1923 ihre Heimat verlassen: der militärische Angriff des Staates Griechenland auf die Türkei 1919 veranlasste den neuen türkischen Staatsmann Atatürk, alle griechisch-orthodoxen Christen des Landes zu verweisen. Seitdem sind die christlichen Kirchen und Gemeinden in Kappadokien verwaist.
Das Christentum hat also in Kappadokien eine fast 2000-jährige Geschichte: die Geschichte des Christentums ist auch die Geschichte Kappadokiens. Und das Christentum inspirierte schließlich den Islam, in dem viele christliche Gedanken weiterlebten. Der islamische Orden des Haçi Bektaş gründete hier sein Kloster und seine Humanistik hatte Einfluss auf die gesamte islamische Welt, verwurzelt aber war er im Gedankengut persischer Mystik, griechischer Philosophie, jüdischen Monotheismus und christlicher Heilslehre. Susanne Oberheu





