Mittwoch, 9. November 2011 14:27

In Avanos ist das Leben noch ganz türkisch
Bei Wikipedia ist zu lesen wie auch in manchen Reiseführern, dass die kappadokische Töpferstadt Avanos vom Tourismus leben würde, also besonders touristisch wäre.
Wer das schreibt, hatte sicherlich seine eigene Sicht auf die Dinge, und diese „Dinge“ liegen weit außerhalb von Avanos.
Tatsächlich gibt es in Avanos einige sehr große Hotels, sogar ein Hilton und ein Sheraton ist in Planung, außerdem Verkaufshallen, Animationsbetriebe etc..- das heißt am Stadtrand: etwa 1-2 km vom Zentrum und der schönen Altstadt am Fluss entfernt, da wo die Einheimischen ihre Läden haben.

Was den meisten Kappadokien-Besuchern von Avanos in Erinnerung bleibt ist das Töpferdenkmal
Das „Schöne“ oder Tragische am Massentourismus ist, dass man diese so genannten Bustouristen als normaler Einheimischer nie zu Gesicht bekommt. Das heißt, Tausende von Touristen werden täglich rein in den Bus, raus aus dem Bus und in kürzesten Abständen in die entsprechenden Sehenswürdigkeiten und Verkaufsausstellungen geführt. Die Altstadt von Avanos gehört nicht dazu, denn hier halten im Vergleich zu anderen kappadokischen Ortschaften kaum Reisebusse und wenn, dann nur für 2 Minuten am Töpferdenkmal: ein Foto und schon geht’s weiter.

Die kleinen Verkaufsläden in der Altstadt von Avanos leben inzwischen hauptsächlich vom Verkauf an türkische Touristen. Dass die ersten Touristen, die Kappadokien besuchten, Fransosen waren, ist überall noch zu erkennen.
Avanos ist berühmt wegen seines Töpferhandwerks und da schaffen sich die Reiseunternehmen, die fast alle nicht aus Avanos kommen, eigene Verkaufshöhlen weit entfernt von den anderen Avanos-Töpfern in der Altstadt, da bleibt das Geld in der Familie sozusagen.
Und genau das ärgert die Avanos-Töpfer, denn fast kein einziger dieser Töpfer kann vom Tourismus leben wie immer behauptet. Auch arbeiten die wenigsten aus Avanos in den großen Hotels oder den extra für den Massentourismus hochgezogenen Restaurants. Auch da bringen die ortsfernen Reiseunternehmen ihre eigenen Leute mit.
Selbst der berühmteste Töpfer von Avanos hat erkannt, dass er mit seiner alten kleinen aber ehemals sehr berühmten Töpferhöhle in der Altstadt keinen Staat mehr machen kann und sich ganz strategisch wenige Meter vom Hilton entfernt eine 3000 m2 große Verkaufshöhle buddeln lassen mit großem Busparkplatz direkt vor der Tür. Dass er für jeden Bus, der vor seinem Laden halten soll, 500,-€ an das Reisunternehmen zahlen muss, scheint sich dann für ihn zu rechnen.
Die Menschen in Avanos leben also noch ziemlich bescheiden von dem, was der Individualtourismus ihnen vor die Tür spült und das ist sehr wenig.
Zum Vergleich: Avanos hat etwa 12.000 Einwohner. In der Altstadt von Avanos haben sich aber gerade mal 7 Pensionen und kleinere Hotels etablieren können.
Der Hauptort Göreme hat etwa 2500 Einwohner und verfügt über beachtliche 150 Pensionen und Hotels in seinem Ortskern, Tendenz steigend.
Die Avanos-Bewohner leben also wie viele andere Türken auch vom Handel und Handwerk, wenige vom Tourismus. Töpfer haben es inzwischen verstanden, Produktionsaufträge aus dem Ausland an Land zu ziehen.

Töpfer Hakan und sein Bruder Gökan liefern Schmuck- und Gartenkeramiken bis nach Amerika. In seinem kleinen Laden in der Altstadt freut sich Hakan über jeden Besucher!
Oder sie sind Künstler und zeigen ihre Exponate in Ankara, Istanbul oder sogar Europa. In Avanos fehlt der Publikumsverkehr. Dort müht man sich vergeblich ab, potente Käufer in die Ausstellungen zu holen.

Das Kunst- und Keramik-Atelier Ikizler verfügt in seinen kleinen Ausstellungsräumen in der Altstadt von Avanos über besonders hervorragende Stücke. Hier ist der Künstler Mehmet Ikizler in seinem Atelier mit einer hethitischen Schnabelkanne zu sehen.
Seit ein paar Jahren jedoch haben türkische Touristen Avanos für sich entdeckt. Sie bleiben allerdings immer nur übers Wochenende oder zu den Feiertagen, kaufen ihre Bodenvasen für die schicke Istanbuler Wohnung in einem kleinen traditionellen Töpferbetrieb und flanieren unbehelligt vom ausländischen Tourismus in den schönen Parkanlagen am Fluss entlang. Viele Cafes, traditionelle Lokantas und Bars mit Lifemusik haben sich ganz auf den türkischen Geschmack aus den Großstädten eingestellt. Seit Neuestem gibt es sogar direkt am Fluss ein sehr feines Fischrestaurant und von der Sonnenterrasse geht der Blick über den Fluss zur berühmten Hängebrücke, der schönen Moschee und den kappadokischen Höhlenhäusern von Avanos. Und für die türkischen Ausflügler hat sich der Restaurantbesitzer etwas ganz Besonderes einfallen lassen, einmalig in der Türkei: ab sofort kann man den Fluss mit einer echten Gondel befahren!

Der Rote Fluss, Kizilirmak, der Avanos durchzieht, ist mit seiner ca.1500 km Länge der größte Fluss der Türkei
So ist Avanos ganz türkisch geblieben und für Ausländer zum Geheimtipp geworden. Wenn außerhalb in den riesigen Höhlenanlagen für 300 ausländische Touristen der Folkloreabend abläuft, kann der Kenner gemütlich in den kleinen und feinen Restaurants und Bars im Zentrum von Avanos dem Können junger türkischer Musiker lauschen und echten türkischen Lifestyle erleben.
Und selbst der Geschäftsmann in Avanos ist inzwischen ganz froh, dass er den Knebeln der Reiseunternehmen, dem Lärm und Gestank der laufenden Busse und dem Stress des Massentourismus nicht ausgeliefert ist.
Susanne Oberheu, Bewohner von Avanos
www.kappadokya-travel.com

Die berühmte alte Fussgänger-Hängebrücke, genannt Asma-Köprüsü, führt direkt in die Altstadt von Avanos